www.klopfers-web.de · www.hasinator.de
www.leute-mit-durchblick.de · www.hasanova.de

 

Tweets von @klopfersweb

Klopfers Web bei

Klopfers Web bei

Klopfer bei

Besucher:
15340208
In den letzten 24 Stunden:
3482

© 2014 Christian Schmidt

Flattr this
Was ist Flattr?

Anzeige
Klopfers Bücher bestellen

Zigeunerschnitzel mit Negerkuss

Ich habe gerade einen Negerkuss gegessen. Er war knackig, süß, kühl und absolut deliziös. Aber immer, wenn ich mir diese Leckerei gönne, steigt in mir Bedauern darüber auf, dass sie im Handel schon seit langem nicht mehr unter dem Namen erhältlich ist, der in mir so süße Assoziationen weckt. Was den Handel angeht, wurde der Neger ausgerottet. Der Kuss überlebt immerhin noch im "Schokokuss", welcher auch die alternative Bezeichnung "Mohrenkopf" ersetzt hat. Natürlich ist auch sonst der Neger im Sprachgebrauch inzwischen stark verpönt, weil er abseits der Süßspeise stark rassistische Untertöne hat. Seitdem streiten sich die Menschen aber darüber, wie man die dunkelhäutigen Bewohner unseres Planeten nun nennen soll. Farbig? Schwarz? Einige meinen, da "Schwarzer" auch nur die Übersetzung von "Neger" ist, wäre es rassistisch, jemanden als schwarz zu bezeichnen. Der dunkelhäutige Musiker Lamont Humphrey beschwerte sich aber nicht ganz zu Unrecht in einem Lied über die Bezeichnung "farbig", denn wir bleichen Kaukasier sind bei der Geburt rosa, werden in der Sonne rot und in der Kälte blau, Krankheiten machen uns grün und der Tod nach einer Weile lila. Wir sind also viel bunter als die Schwarzen, die ich von nun an auch so bezeichnen möchte, sonst lesen sich meine Texte noch bekloppter, wenn ich weiter um den Begriff herumlaviere.

Anders als der Negerkuss ist das Zigeunerschnitzel noch nicht ausgestorben, obwohl die meisten Leute sich sonst verbal ein Bein ausreißen, um das Wort "Zigeuner" zu vermeiden. Zumeist benutzt man die Wortgruppe "Sinti und Roma", weil die Nazis im letzten Jahrhundert einfach Zigeuner umgebracht haben und sich nicht die Mühe machten, nach den einzelnen Volksstämmen zu unterscheiden. Nun hat die Ersetzung durch "Sinti und Roma" aber zwei Schwächen. Die eine ist, dass man damit sprachlich eingeschränkt ist. Man kann zwar sagen: "Der Zigeuner fiedelt auf dem Marktplatz", aber man darf nicht. Nun darf man sagen: "Der Sinti und Roma fiedelt auf dem Marktplatz", aber man kann nicht, weil er nicht beides ist. Die zweite Schwäche ist, dass die Ersetzung einfach falsch ist. Nicht jeder Zigeuner ist Sinti oder Roma, es gibt noch weitere ziganische Völker. Und die diskriminiert man mit dem Begriff "Sinti und Roma" mehr, als man es durch die Bezeichnung als Zigeuner tut.

Ich möchte hier keinesfalls eine Lanze brechen für Begriffe, die in sich rassistisch oder unterdrückend sind. Aber Wörter, die etymologisch neutrale oder beschreibende Begriffe sind, werden von politisch korrekten Zeitgenossen viel zu gerne mit Tabus belegt, vermutlich aus dem Irrglauben heraus, dass die negativen Gefühle zusammen mit dem Wort aus der Sprache getilgt werden. Tatsächlich denken viele Leute, dass das Begreifen von Konzepten unbedingt an Wörter aus der Sprache gebunden wäre. Aber nehmen wir einmal das Wort "Geborgenheit", was so in vielen Sprachen der Welt nicht vorkommt. Aber glaubt tatsächlich jemand, dass Engländer oder Franzosen das Gefühl der Geborgenheit nicht kennen, nur weil sie kein spezielles Wort dafür haben? Und so ist es für Rassisten trotzdem noch spielend leicht möglich, sich abfällig über Neger oder Zigeuner zu äußern, ohne die Wörter in den Mund zu nehmen. Dass abseits aller sprachlichen Überlegungen ein Asylant genauso verbluten kann wie ein Asylbewerber, ist darüber hinaus traurige Wahrheit.

Es gibt sogar das Phänomen, dass der Ersatzbegriff mit der Zeit die gleichen negativen Untertöne bekommt wie das ursprüngliche Wort und demnach ebenfalls irgendwann ersetzt werden müsste. So wurde aus dem Krüppel irgendwann der Behinderte und daraus wiederum der Mensch mit Behinderungen, was man vermutlich auch nicht mehr lange verwenden darf und dazu angehalten wird, Behinderte als Menschen mit speziellen Bedürfnissen zu bezeichnen.

Ähnlich ist es mit den "Gastarbeiterkindern", die zwar sachlich gesehen nur eine Teilmenge der "Jugendlichen mit Migrationshintergrund" sind, aber seien wir ehrlich. Wir denken bei den Jugendlichen mit Migrationshintergrund doch nicht an die Zeichnerin aus der Ukraine, die Grafikerin aus Polen oder an den russischen Klassenkameraden vom Gymnasium. Wir denken an die Typen mit südländischer Erziehung, die jede Meinungsverschiedenheit mit Messern lösen wollen, weil sie einen merkwürdigen Ehrbegriff haben, von Schülern Handys und Geld erpressen und bildungsmäßig absolute Totalversager sind. Es würde mich nicht wundern, wenn man bald einen anderen Begriff für diese Gruppe findet, aber das ändert weder etwas an ihrem Verhalten noch an den Assoziationen, die man damit verbinden wird.

Aus diesem Grund ist das Pflegen von sprachlichen Tabus im Sinne der Politischen Korrektheit kein Beitrag für eine tolerantere Gesellschaft, sondern dagegen. Man versteckt die Gefühle, Ansichten und Vorurteile, indem man die Wörter vermeidet, aber diese Gefühle, Ansichten und Vorurteile sind trotzdem noch vorhanden und werden sich neue Wege suchen, um sprachlich ausgedrückt zu werden. Mit Verboten wird man keine Denkstrukturen ändern, man schränkt nur seine Ausdrucksmöglichkeiten willkürlich ein. Vielleicht sollte man manche Wörter auch wieder aus dem Sumpf der negativen Untertöne zurückerobern, indem man sie in positiven Zusammenhängen benutzt. So wie beim süßen, leckeren Negerkuss.