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Internet für alle

Das Internet ist eine wunderbare Erfindung. In der Geschichte der Menschheit ist es dank diesem modernsten aller Medien jedem Menschen erstmals möglich, nahezu gratis seine Gedanken der ganzen Welt zu offenbaren, vollständig ohne Produktionskosten, mäkelnde Redakteure und dem Zwang, einer allgemein anerkannten Rechtschreibung zu gehorchen.
Leider hat dieses Medium auch seine Nachteile: Jeder kann seine wirren Gedanken nahezu anonym der ganzen Welt offenbaren, und das ohne den Zwang, einer anerkannten Rechtschreibung zu gehorchen. So ziemlich jeder Depp darf eine Webseite haben, und manchmal bekommt man den Eindruck, dass auch jeder Depp von diesem Recht Gebrauch macht.

Viele dieser Menschen scheinen aber dennoch in einer permanenten Angst zu leben, ständig mit einem Bein im Knast zu stehen. Gut, bei vielen stimmt das auch, schließlich werden häufig Raubkopien, Pornos oder MP3s auf ihren Seiten angeboten. (Und wenn der Webspace mal nicht reicht, werden fremde Leute angehauen, doch mal selbst derartige Dinge zur Verfügung zu stellen, damit man darauf linken kann. Fürs Protokoll: Ich habe sehr gelacht und sehe die betreffende Person nicht mehr als meinen Artgenossen an.) Aber auch harmlose Webseiten scheinen in den Augen der Betreiber hochbrisante Inhalte zu bieten, die man vor der Justiz schützen müsste.
Dabei greift man zur Defensivwaffe Nummer Eins: Dem Haftungsausschluss. Ich rede hier nicht einmal von dem Text über das (übrigens nicht rechtskräftige) Urteil des Landgerichts Hamburg, nach dem man für den Inhalt gelinkter Seiten zur Verantwortung gezogen werden könne. Ist zwar auch sinnlos, sich so etwas auf die Seite zu stellen, aber mein Lieblingsdisclaimer entlarvt wirklich die ganze verzerrte und von keinerlei Intelligenz getrübte Weltsicht der Benutzer: Der Hinweis auf Bill Clintons "Internet Privacy Act", insbesondere im Hinblick auf den Code 431.322.12, der angeblich jedem (insbesondere Mitgliedern von Ermittlungsbehörden) untersagt, die Internetseite zu betreten.
Mal ganz davon abgesehen, dass so ein Gesetz nie existierte und wohl kein Staat seine Exekutive so kastrieren würde: Wie kommt ein aufrecht gehendes Wesen auf die abstruse Idee, dass ein amerikanisches Gesetz auch nur irgendeinen Polizeibeamten in Europa interessieren könnte?
Noch schöner wird's, wenn man sich mal anguckt, was für Seiten sich nach Auffassung ihrer Betreiber so schützen müssen: Karnevalsvereine, Taucher, Hotels, Greenpeace-Gruppen und Alzheimer-Stiftungen. Falls einer der Webmaster dieser Seiten mitliest: Gib mir einen Tipp, wo die verbotenen Sachen sind, und erzähl mir bei der Gelegenheit auch, warum man lieber einen Disclaimer setzt, anstatt den illegalen Krempel zu löschen.(Anmerkung: Inzwischen haben alle ihre Webseiten überarbeitet oder sind gar nicht mehr zu erreichen.)

Noch mehr verbreitet scheint aber eine Krankheit zu sein, die den Menschen jegliches ästhetisches Empfinden raubt, sobald sie vor einem Computer sitzen. Ich bin ja ein eher toleranter Mensch, aber wenn selbst ich beim Anblick einer Webseite das dringende Bedürfnis verspüre, mir einen Bleistift in die Augen zu rammen*, dann muss doch auch den Webmaster zumindest ein kleiner Schmerz durchzucken, sobald er sein Werk anschaut. Aber anscheinend hat jemand erfolgreich viele Tausend Leute davon überzeugt, dass zu gutem Webdesign eine Unmenge animierter GIFs, schreiende Farben und möglichst schlecht zu lesende Schriftarten gehören.
Nun kann man die meisten dieser Entgleisungen noch als traurige Resultate übereifriger HTML-Laien mit dem gnädigen Mantel des Schweigens bedecken, aber es gibt tatsächlich Leute, die sich ihren Mitmenschen gegenüber als professionelle Webdesigner ausgeben und für wahrlich scheußliche Seiten geradezu horrende Preise verlangen**. Vielleicht bin ich ja zu anspruchsvoll, aber wer eine halbe Stunde mit Frontpage rumspielt, hat keine Eurosummen im dreistelligen Bereich verdient. (Ich hab übrigens spaßeshalber mal ausgerechnet, wie viel ich bei branchenüblichen Preisen für eine Seite in der Art von Klopfers Web verlangen könnte. Stattliches Sümmchen, allerdings wohl auch gerechtfertigter als bei diversen anderen Seiten.)

Auf der anderen Seite gibt's die richtigen Profis, die von solchen Firmen wie ProSieben oder RTL angeheuert werden. Wer hat diesen Menschen beigebracht, in eine unschuldige Startseite so viele kleine Blöcke zu rammen, dass außer einem briefmarkengroßen Bild lediglich zwei beschreibende Wörter in jeden Bereich passen? Benutzerfreundlichkeit wurde vollends vergessen: Ich möchte zum Beispiel erfahren, was momentan auf RTL läuft (für's Protokoll: es ist jetzt der 4. Dezember, 2.32 Uhr nachts). Auf der Startseite werde ich nicht fündig, also klicke ich auf "TV Programm". Ich sehe noch mehr Programmempfehlungen, aber nicht die aktuelle Sendung. Nun klicke ich auf TV Planer, worauf sich ein Pop-Up-Fenster öffnet, welches mich vornehmlich mit einem Trailer für James Bond nervt. Aber in dem Fenster findet sich auch ein Bereich "Aktuell im Programm". Bin ich jetzt am Ziel? Aber nein, ich erfahre lediglich, dass 'gleich' (in etwas weniger als 4 Stunden) "Das Geheimnis der Mumie" ausgestrahlt wird:

RTL World Screenshot

Ich plädiere dafür, den Verantwortlichen für dieses Webdesignverbrechen bei Tagesanbruch auf einem öffentlichen Platz an den Pranger zu bringen, auf dass die wütende Allgemeinheit ihn bespucken und schelten darf, bis die Sonne hinter dem Horizont versinkt. Schließlich kann man schon beim technisch weitaus primitiveren Videotext sehen, wie es besser geht: Es laufen die "Freitag Nacht News" (gähn), gefolgt von "Top of the Pops" (wäh). Dummerweise musste ich den Sender einschalten, um diese Information zu bekommen.

Wobei ich natürlich nicht sagen möchte, dass man im Internet keine interessanten Informationen bekommen könnte. Ich bin mir sogar sicher, dass nahezu jede Information im Internet wahnsinnig interessant für die meisten Menschen ist. Anders kann ich mir diese Flut an Seiten nicht erklären, die nur dazu gemacht wurden, um familiäre Informationen zu verbreiten, wie etwa von der kleinen Marie-Sophie, die vor drei Wochen zur Welt kam, oder der Tatsache, dass Steffi und Ulf sich vor vier Jahren ganz zufällig beim Protest gegen die Massenhaltung von Seidenraupen kennen gelernt haben und sich sofort scharf fanden. Nicht dass man mich falsch versteht: Wenn ich eine interessante und gut aufgemachte Webseite sehe, dann les ich auch gerne etwas über den Schöpfer des Ganzen. Aber nur deswegen auf eine Seite zu gehen, ist ungefähr so sinnvoll wie wildfremde Menschen in der Fußgängerzone nach ihren Genitalmaßen zu fragen.

Nahezu jede Minute entstehen neue Seiten im Internet, und es ist prinzipiell auch eine schöne Idee. Das kann man allerdings auch über den Kommunismus sagen. Also bitte denkt dran: Versaubeutelt die Umsetzung eurer Internetseiten nicht, damit tut ihr im schlimmsten Fall Millionen Menschen weh. Wenn ihr es nicht auf dem Papier lesen würdet: Schreibt es nicht auf eure Internetseiten. Wenn ihr es nicht im Fernsehen schauen würdet: Stellt es nicht ins Internet. Wenn ihr es selbst nicht hören wollt: Lasst es auf eurer Festplatte. Und um Himmels Willen: Wenn ihr das Design noch mit geschlossenen Augen schmerzhaft spüren könnt, dann löscht es, bevor es noch schlimmeren Schaden anrichtet!

Am Ende bleibt nur die Erkenntnis: Das Internet ist eine Nutte - jeder darf mal rein.

* Damit meine ich übrigens nicht die Seite von String-Emil, die in mir nicht aufgrund des Designs den Drang weckt, meine Augenhöhlen mit einem scharfen Messer auszuschaben, sondern wegen der wirklich erschütternden Fotos.
** Ursprünglich befanden sich in diesem Satz Links, die meine Behauptungen unterstrichen. Allerdings sind diese Links inzwischen tot.

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