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5 Dinge, die kaum jemand über Star Trek und seinen Schöpfer weiß

4. Roddenberry – Das Genie hinter allem?

Zweifellos gäbe es ohne Gene Roddenberry „Star Trek“ nicht, daher ist es wohl keine Übertreibung, wenn man ihm eine besondere Rolle in der Fan-Verehrung zugesteht. (Dass ich echt beschissen im Verehren bin, ist allerdings inzwischen klar geworden, schätze ich.) Doch dass „Star Trek“ (verspätet) zu so einem Erfolg wurde, liegt zum großen Teil an anderen Leuten, die lange im Schatten von Roddenberry standen. Doch Roddenberry, der es sehr genoss, von den Fans bejubelt zu werden, während er als Produzent sehr lange Zeit im professionellen Umfeld eher als winziges One-Hit-Wonder galt, war nicht sonderlich eifrig dabei, ein wenig vom Rampenlicht zu teilen – nicht mal mit Gevatter Zufall.

Das begann schon vor seiner Star-Trek-Zeit. Roddenberry war Pilot bei der Pan-Am. 1947 stürzte das Flugzeug, in dem er als Dritter Offizier eingeteilt war, in der syrischen Wüste ab. Was dann passierte, schmückte er äußerst blumig aus: Er hätte allein die Überlebenden des Absturzes gerettet, hätte mit Arabern gekämpft und wäre durch die Wüste getrampt, um das nächste Telefon zu finden. In anderen Versionen, die er ebenfalls selbst erzählte, blieb er beim Wrack und schickte andere zur nächsten Siedlung los. Tatsache ist, dass er nicht der einzige Held war, zwei andere überlebende Crewmitglieder (eine davon eine Stewardess) halfen bei der Evakuierung der überlebenden Passagiere. The Oatmeal indes illustrierte die Geschichte letztes Jahr mit einem Webcomic, der aber – aufgrund des Quellenmaterials – ebenfalls recht frei mit den Fakten umgeht.

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Das herausragendste Beispiel ist wohl das legendäre Triumvirat zwischen Kirk, Spock und McCoy, quasi die Personifizierungen von Mut, Gehirn und Herz, wie beim Zauberer von Oz. In den 70er Jahren gab Roddenberry in Interviews damit an, wie er die Charaktere so angelegt hätte, damit sie sich ideal ergänzen.

In Wirklichkeit war diese Konstellation nie geplant. Captain Kirk sollte der Star sein, der Held, der Frauenschwarm – so war die Rolle angelegt, so wurde sie William Shatner präsentiert und so sollte sie auch gespielt werden. (Viele der Dinge, die man Shatner in seinem Verhalten anlastet, gehen zurück auf diese Vision: Shatner war schlicht nicht engagiert worden, um Mitglied in einem Ensemble zu sein, er hatte die Hauptrolle und die anderen waren Nebendarsteller, die ihn dabei unterstützen sollten, den Helden zu spielen.) Sein Arzt sollte ein bisschen Seelsorger und Mentor sein (wobei der letztere Aspekt eher mit anderen Darstellern in den beiden Pilotfilmen hervorsticht). Und Spock war der Außerirdische, der die Zuschauer mit seinem Aussehen und seinem Verhalten daran erinnern sollte, dass es sich um eine Science-Fiction-Serie handelt, in der Aliens Normalität sind.

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Spock wurde allerdings recht schnell zu einem der beliebtesten, wenn nicht sogar der beliebteste Charakter bei den Fans, weswegen Science-Fiction-Autor Isaac Asimov Roddenberry riet, Spock und Kirk als Team aufzubauen. Die größte Verantwortung für die Charakterentwicklung und die Dynamik, die sich zum Beispiel in Wortgefechten zwischen McCoy und Spock oder Kirks Reaktionen auf Spocks Logik zeigte, liegt aber bei einem anderen Gene: Gene Coon wurde in der Mitte der 1. Staffel für ein Jahr der Showrunner der Serie, schrieb selbst viele Folgen und überarbeitete unzählige weitere.

Gene Coon verdanken wir nicht nur die Dreierbande, sondern auch die Klingonen, das Sternenflottenkommando, die ganze Vereinigte Föderation der Planeten und die Oberste Direktive, die die Einmischung in die inneren Angelegenheiten fremder Welten verbietet (und von Kirk oft ignoriert wurde – wenn auch immer mit gutem Grund). Wenn man an ein grundlegendes Star-Trek-Konzept aus der Zeit der Originalserie denkt, stehen die Chancen gut, dass Gene Coon dafür verantwortlich ist.

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Coon hat aber noch einen immens wichtigen Beitrag geleistet: Ein Grund, weswegen Fans bis heute die alte Serie schauen, ist der Humor. Den musste Coon (ebenso wie seine Nachfolger) allerdings gegen den Widerstand von Roddenberry durchdrücken: Der Schöpfer von „Star Trek“, der später eher die Meinung vertreten sollte, dass die Sternenflotte nicht wirklich eine militärische Organisation wäre, empfand Humor als unmilitärisch und meinte, es würde Kirks Autorität untergraben, wenn er humorvoll wäre – sehr zum Bedauern von William Shatner, der es liebte, Comedy zu spielen, und jede Gelegenheit genoss. Die vermutlich beliebteste Folge von „Raumschiff Enterprise“ mit dem Namen „Kennen Sie Tribbles?“, in der eine Raumstation während eines Konflikts mit den Klingonen von kleinen, pelzigen Kreaturen überschwemmt wird, konnte nur deswegen so vergnüglich gestaltet werden, weil Roddenberry zur Produktionszeit im Urlaub war und kein Veto einlegen konnte.

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Uh, mal wieder ein Foto, das wirklich passt. greatjobplz.gif

Doch schon bevor Star Trek zu dem wurde, was wir kennen und lieben, sorgte ein Mann dafür, dass es überhaupt etwas werden konnte: Herb Solow, einer der Studiomanager von Desilu, kämpfte wie ein Löwe dafür, dass ein Sender die Serie kaufte und finanzierte, und musste dann einen weiteren Kampf gegen seine eigenen Vorgesetzten ausfechten, damit die tatsächlich so eine aufwendige Serie produzieren, obwohl diese voraussichtlich teurer sein würde als das, was der Sender zahlte. Der Dank dafür: In Roddenberrys Erinnerungen war Solow irgendein Studioboss, der nicht an „Star Trek“ glaubte und Science-Fiction-Fans, die die beiden Pilotfilme auf einer Convention sahen und applaudierten, als unwichtige Trottel beleidigte.

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Dialog aus dieser Szene: "Sie haben auch Mädchen an Bord?" "Ja, und zwar sehr begabte!" 07baa27a.gif

Das ist ein Standardmuster in Roddenberrys Anekdoten: Er als verkannter Visionär im Kampf gegen ignorante Studio- und Fernsehbosse, so wie er beim Flugzeugabsturz der Held war, der allein gegen alle Widrigkeiten kämpfte. So wollte er gerne wahrgenommen werden – und wenn er dafür auf den Lebensleistungen anderer herumtrampelte, nahm er das in Kauf.

So unrealistisch diese Darstellung auch ist (immerhin investierte man Millionenbeträge in Roddenberrys Idee), sie ist eine faszinierende Variante der Geschichte von David gegen Goliath und wurde deswegen von den Fans begierig aufgenommen und weiterverbreitet, und so wurde fast alles, was man an „Star Trek“ liebte, dem Schöpfer zugeschrieben, der so quasi zum Guru wurde, der nicht einfach nur eine Fernsehserie erschaffen wollte, nein, er wollte eine Philosophie verbreiten!

In Wirklichkeit empfand Roddenberry für weite Teile der 70er Jahre „Star Trek“ eher als Last in seinem Lebenslauf. Es war eine teure Serie, die quasi ihre ganze kurze Existenz lang von der Einstellung bedroht war, nach nur drei Staffeln floppte und damit kaum als Aushängeschild für einen ambitionierten Serienerfinder gelten konnte.

Und dennoch gelang es ihm in der Zeit nicht, etwas zu erschaffen, was auch nur ähnlich erfolgreich war – niemand wollte eine Serie von ihm produzieren, und seine Filmprojekte floppten, wenn sie es denn überhaupt mal vor die Kamera schafften. Im Zuge der Scheidung von seiner Frau bot er ihr sogar an, seinen Anteil an den Star-Trek-Rechten für 1.000 Dollar zu kaufen, wenn sie nur darauf verzichten würde, an den Einnahmen seiner zukünftigen Projekte beteiligt zu werden. Roddenberry war desillusioniert und bereit, mit dem Kapitel „Star Trek“ abzuschließen. Erst als Paramount anfing, eine Fortsetzung zu planen, wendete er sich wieder mit Engagement seiner Schöpfung zu. (Aus dem Projekt wurde aufgrund des Erfolgs von „Star Wars“ schließlich der erste Star-Trek-Kinofilm, dessen konfuse Produktion dafür sorgte, dass Roddenberry von jeglicher Mitsprache an allen weiteren Filmen ausgeschlossen wurde, obwohl manche der Probleme nicht seine Schuld waren.)

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Diese Dame gehört nicht zur Besatzung, und ich finde, so ein langes Uniformkleidchen sollte strengstens wegen Verstoßes gegen die Kleidervorschriften bestraft werden! animaatjes-onion-94409.gif

In den 80er Jahren begannen dann die Planungen für „Star Trek: The Next Generation“, und diesmal sollte Roddenberry wieder das Ruder in der Hand halten. Dummerweise war Roddenberry inzwischen dank der Anbetung durch die Fans selbst davon überzeugt, ein Genie und Visionär zu sein, und stellte absurde Regeln auf, die mit dafür sorgten, dass die ersten zwei Staffeln bis auf wenige Höhepunkte absolut grauenhaft waren. So war er beispielsweise inzwischen davon überzeugt, dass die Menschheit im 24. Jahrhundert keine zwischenmenschlichen Konflikte mehr haben würde – ergo wurden alle Drehbücher abgelehnt, in denen es Meinungsverschiedenheiten zwischen den Besatzungsmitgliedern gab. Sein geändertes Selbstbild findet sich fast direkt in der Serie wieder: Sah er sich in den 60er Jahren noch als Actionheld und Frauenverführer (*hust*Kirk*hust*), war er inzwischen der weise Mentor, der auf die Macht der Worte setzte und durch diplomatische Lösungen überzeugte, anstatt sich mit körperlichem Einsatz durchzusetzen – ganz wie Picard.

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(Interessant übrigens: Roddenberry wollte Patrick Stewart gar nicht in der Rolle haben, wurde jedoch überstimmt. Er verlangte allerdings, Stewart solle ein Toupet tragen, da er keinen glatzköpfigen Captain wollte. Ich vermute, das lag daran, dass er selbst ja auch keine Glatze hatte und sich gerne in Picard wiedererkannt hätte. Blöderweise sah Stewart mit dem Fifi auf dem Kopf total albern aus, weswegen es ihm erspart blieb, die Serie mit so einer Mütze zu drehen. Als Roddenberry allerdings später auf einer Pressekonferenz gefragt wurde, wieso Picard eine Glatze hat, obwohl man im 24. Jahrhundert doch sicherlich ein Mittel dagegen hätte, antwortete er, dass eine Glatze im 24. Jahrhundert keinen kümmern würde. Und schon erschien er wieder als der Visionär und Vorkämpfer für Toleranz.)

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Viele Mitstreiter aus alten Tagen versuchten Roddenberry zu überzeugen, dass er mit einigen seiner Vorstellungen auf dem Holzweg war, aber der alte Mann vertraute inzwischen nur noch seinem Anwalt, der heimlich die Schreibtische der Autoren durchsuchte, die Skripte eigenmächtig (und unter dem Namen seines Klienten) änderte und dafür sorgte, dass jeder Mitarbeiter rausflog, der es wagte, ihn oder Roddenberry zu kritisieren. Deswegen gab es im Autorenteam der neuen Star-Trek-Serie eine unheimliche Fluktuation. Der Anwalt bekam schließlich Hausverbot und Roddenberrys nachlassende Gesundheit erlaubte es später anderen Produzenten, freier zu agieren und endlich bessere Drehbücher zu verfilmen.

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