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Rassismus gegen Rassismus

Um also irgendwie den Anschein zu retten, dass Weiße mit ihrer bloßen Existenz Menschen anderer Hautfarbe diskriminieren würden, zerrt man allerlei Konzepte der europäischen/westlichen Kultur heran, die offenbar für andere extrem exotisch und schwer zu verdauen sind. Ein Musterbeispiel dafür ist eine Infografik zur weißen Kultur in den USA, die das zum amerikanischen Smithsonian-Institut gehörende National Museum of African-American History and Culture veröffentlichte (und nach Kritik zurückzog, obwohl man auf der Seite im Wesentlichen das, was die Grafik sagt, weiterhin vertritt).

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Man könnte fast eine eigene Kolumne nur über die Infografik schreiben. Einige besonders schöne Blüten:

  • „Jeder ist seines Glückes Schmied“ ist also typisch weiß. Logisch. Ist natürlich viel inklusiver für Minderheiten, wenn man Leuten erzählt, dass sie keinen Einfluss auf ihr Schicksal haben.
  • Die Familie mit Vater und Mutter? Kennt man offenbar in anderen Kulturen nicht. Bis vor wenigen Jahrzehnten war es übrigens auch unter amerikanischen Schwarzen noch ganz normal, dass Kinder mit Mutter und Vater aufwuchsen, aber auch das war offenbar nur von Weißen aufgezwungen.
  • „Die Frau führt den Haushalt und ist dem Mann untergeordnet.“ Bei dem Punkt muss man sich fragen, ob die Leute, die diese Infografik erstellt haben, überhaupt etwas über nichtweiße Kulturen wissen. Eventuell sollten sie sich gelegentlich mal mit Arabern, Japanern oder Afrikanern unterhalten.
  • Die ganze wissenschaftliche Methode ist weiß. „Objektives, rationales Denken“ ist so weiß wie die Suche nach Beziehungen von Ursache und Wirkung.
  • Dass man dafür arbeiten muss, um etwas zu erreichen, das kennen nur Weiße.
  • Zukunftsplanung und Pünktlichkeit sind weiß.
  • Höflich sein ist auch ganz furchtbar weiß. Können andere Kulturen natürlich nicht begreifen.

Wir fassen zusammen: Weiße sind höflich, fleißig, rational, planen für die Zukunft und haben Familiensinn. Man fragt sich, ob Stormfront bei der Erstellung der Grafik mitgeholfen hat, denn so überlegen habe ich mich wegen meiner Hautfarbe bislang selten gefühlt. Früher hätte man mich vielleicht rassistisch genannt, wenn ich gesagt hätte, dass Schwarze nicht rational denken, aber nun wäre diese Aussage total woke.

Die Sache ist: Wer eine Existenz aufbauen und vielleicht sogar Karriere machen (oder auch nur eine Arbeitsstelle behalten will), sollte besser einige dieser „weißen“ Denkweisen verinnerlicht haben. Sie sind schließlich auch die Grundlage, warum westliche Gesellschaften so erfolgreich sind und Millionen Menschen aus anderen Ländern der Welt anlocken. Asiaten haben offenbar auch kaum Probleme damit und übertreffen in den USA zumindest in ökonomischer Sicht die Weißen deutlich. (Ironischerweise überholen auch schwarze Einwanderer aus Afrika und der Karibik die schwarzen Nachfahren der US-amerikanischen Sklaven bereits nach wenigen Jahren.) Insofern sollte man auch die Frage stellen dürfen, ob ein Teil der gefühlten Diskriminierung nicht darauf zurückzuführen ist, dass sich einige Vertreter der Minderheiten selbst ein Bein stellen (und dabei die Vorurteile gegenüber ihrer Gruppe bei anderen bestätigen, wodurch sie ihre Ausgangsposition verschlechtern). Darf man aber nicht, denn das wäre natürlich rassistisch.

Manche werden nun schon mit den Füßen scharren, um den Mumpitz zu widerholen, den auch das Social-Media-Team von ZDF heute auf Instagram verbreitet hat:

Aus gegebenem Anlass möchten wir gerne eine Sache aus dem Weg räumen: Es gibt keinen Rassismus gegen Weiße. Das, was einige hier vermutlich meinen, kann man als Diskriminierung bezeichnen. Zwar können Weiße auch als Minderheit Diskriminierung erfahren, es handelt sich jedoch nicht um ein strukturell verankertes Phänomen. Demgegenüber hat Rassismus machtstrukturelle Ursachen, ist geschichtlich verwurzelt und lässt sich auf allen gesellschaftlichen Ebenen wiederfinden. Weiterführende Informationen zum Thema Rassismus und warum es keinen Rassismus gegen Weiße gibt, findet ihr z.B. bei der Amadeo-Antonio-Stiftung.

Das wird zum Beispiel all die Polen, die sich in Deutschland als Polacken beschimpfen lassen mussten, sicherlich trösten: Es kann ja kein Rassismus gewesen sein. Sie sind ja auch weiß.

Die Definition von Rassismus, die man tatsächlich in Wörterbüchern findet, sagt überhaupt nichts über Strukturen oder Machtverhältnisse aus. „Eine Lehre, Theorie, nach der Menschen bzw. Bevölkerungsgruppen mit bestimmten biologischen oder ethnisch-kulturellen Merkmalen anderen von Natur aus über- bzw. unterlegen sein sollen“, definiert etwa der Fremdwörterduden. Der Rechtschreibduden von 1996 definiert Rassismus schlicht als „übersteigertes Rassenbewusstsein, Rassenhetze“, der von 2009 beschreibt Rassismus als „Rassendenken und die daraus folgende Diskriminierung von Personen aufgrund bestimmter biologischer Merkmale“. Das Oxford Advanced Learner’s Dictionary von 1995 gibt für „racism“ zwei Definitionen an:

(a) the belief that some races are superior to others.
(b) unfair treatment or dislike of sb because they are of a different race

Das Cambridge Dictionary im Netz stimmt ein mit zwei britischen Definitionen und einer amerikanischen.

Policies, behaviours, rules, etc. that result in a continued unfair advantage to some people and unfair or harmful treatment of others based on race
harmful or unfair things that people say, do, or think based on the belief that their own race makes them more intelligent, good, moral, etc. than people of other races
the belief that some races are better than others, or the unfair treatment of someone because of his or her race

Das ist auch einleuchtend: Man kann sich anderen gegenüber aus biologischen oder Abstammungsgründen überlegen fühlen, ohne dass die eigene Gruppe Macht über die anderen ausübt. Eventuell sind die Verhältnisse sogar umgekehrt, und der Glaube an die eigene Überlegenheit ist es, die hilft, die Erniedrigungen zu ertragen. Auswirkungen haben Machtstrukturen in erster Linie bei der Umsetzung rassistischer Gedanken in die Tat, also bei der Diskriminierungshandlung an sich, weil die eigene Macht die Grenzen dieser Handlung setzt. Wer keine Macht ausübt, kann nur schimpfen, wer hingegen Macht hat, kann nachhaltig drangsalieren.

Macht ist auch deswegen untauglich als Abgrenzungsmerkmal, weil sie immer relativ ist. Wenn ein einzelner deutscher Junge in einer Schulklasse voller Türken und Araber sitzt und es ertragen muss, als Kartoffel, Schweinefleischfresser, ungläubiger Hund oder ähnliches beleidigt zu werden, erlebt er natürlich Rassismus, und es ändert sich für ihn nichts, nur weil außerhalb der Schule die Deutschen die Mehrheit stellen. Wenn man nach der Meinung von ZDF heute und der Wir-nennen-uns-nach-einem-ermordeten-Schwarzen-aber-vergessen-dass-er-einen-Nachnamen-hatte-Stiftung geht, könnte Trump die mit Sars-CoV-2 infizierten Chinesen in Wuhan mit den übelsten Beleidigungen belegen, ohne dass es Rassismus wäre, weil die USA und Weiße keine Macht über die Chinesen in China ausüben. Der schwarze Ökonomie-Professor Thomas Sowell schrieb in seinem Buch „Black Rednecks & White Liberals“:

Following that logic, Nazis were not anti-Semites until they gained control of the German government and the Ku Klux Klan today would not be called racist any more because it has lost the power it once had. But the arbitrary proviso of “power” was never part of the definition of racism until racism among blacks became widespread enough to require a convenient evasion.

Und es ist tatsächlich so, als hätten Leute George Orwells Roman „1984“ gelesen und gedacht: „Neusprech ist eigentlich eine total tolle Idee.“ Gerade linke Akademiker gefallen sich darin, Streiter für die Interessen von unterdrückten Minderheiten zu sein. Es stört dann nur das Eigenbild vom heldenhaften Streiter für die Nöte der Geknechteten, wenn sie feststellen müssen, dass die „edlen Wilden“ ebenso zu schlechten Gedanken und Taten fähig sind wie die als Feindbild auserkorene Gesellschaft. Um sich dieser unangenehmen Wahrheit nicht stellen zu müssen, wird nun versucht, Rassismus so umzudefinieren, dass die Minderheiten automatisch Immunität genießen. An der Realität ändert das natürlich nichts. Unter amerikanischen Schwarzen ist Hass auf Mexikaner und Antisemitismus weit verbreitet, in Südafrika kloppen sich Schwarze unterschiedlicher Nationalitäten und Stämme gegenseitig tot, weil sie sich gegenseitig nicht riechen können, und ein jordanischer Politiker hält Araber für die Herrenrasse, die alle anderen Menschen zu führen hat. Niemand ist gegen Rassismus immun.

Insofern ist es schon ziemlich verlogen, wenn einerseits die Sprache peinlichst genau reguliert wird und selbst der Mohrenkopf oder Negerkuss geächtet wird, obwohl damit keinerlei Abwertung verbunden ist, und andererseits Deutsche verhöhnt werden, wenn sie sich dagegen wehren, als Almans bezeichnet zu werden, was im Deutschen tatsächlich ausschließlich abwertend verwendet wird (anders als „Mohr“).

„Aber“, so wollte mir mal jemand erklären, „damit sind doch nicht die Deutschen an sich gemeint, sondern nur Leute mit bestimmten Verhaltensweisen!“

Aha. Dann dürfte ja niemand was dagegen haben, wenn wir das Wort Nigga benutzen, um Menschen mit bestimmten Verhaltensweisen zu bezeichnen, so wie es in der (von Schwarzen erschaffenen) Zeichentrickserie „The Boondocks“ getan wird?

Nein, nicht okay? Dachte ich mir.

Rassismus ist real. Diskriminierung ist real. Jeden Tag erleben Menschen mit anderer Hautfarbe Ungerechtigkeiten, Beleidigungen und Gewalt, und das ist beschissen. Aber das darf nicht dazu führen, dass Menschen, die mit diesem Rassismus gar nichts zu tun haben, eine Mitschuld aufgebürdet kriegen, und es darf auch nicht sein, dass die Schuld auf eine diffuse, obskure Struktur geschoben wird, anstatt die konkret Schuldigen zur Rechenschaft zu ziehen. Natürlich hat man in jeder Gesellschaft gewisse Vorteile, wenn man nicht heraussticht. Gelegentlich hat man aber auch wiederum Vorteile, gerade weil man nicht in der Masse verschwindet. Man kann aber denen, die Vorteile haben, nicht automatisch die Schuld dafür geben, dass andere diese Vorteile nicht haben. Ein Kassierer im Supermarkt kann nichts für Diskriminierung bei Bewerbungsverfahren für Arbeitsstellen. Jemand, der in seiner Eigentumswohnung lebt, kann nichts dafür, dass Minderheiten bei der Wohnungssuche schlechtere Karten haben oder die Mieten überproportional steigen und gerade Geringverdiener unter den Mietern Probleme haben, ihre Wohnungen zu behalten. Und auf der anderen Seite kann auch ein Polizeipräsident oder Bürgermeister nichts dafür, wenn ein Polizist sich in ihrer Stadt im Einsatz aus eigenem Antrieb danebenbenimmt.

Der größte Fehler, den man machen kann, ist, Unterschiede auch noch extra hervorzuheben, indem man den vermeintlich oder tatsächlich Diskriminierten die Macht gibt, unschuldige Menschen allein aufgrund ihrer Ethnie oder der Hautfarbe anzupöbeln und runterzumachen, ohne dass die sich gegen unfaire Anschuldigungen wehren dürfen. Es ist hirnrissig, die Weißen dazu zu zwingen, sich in Gehirnwäscheseminaren zu erniedrigen. Das sorgt nicht dafür, dass Risse zwischen den Völkern gekittet werden, es vertieft die Gräben noch eher und schürt Ressentiments.

Wenn in Beziehungen ein Partner den anderen ständig runtermacht, ihn als Prügelknaben benutzt, ihm die Schuld am persönlichen Scheitern gibt und ihm nicht erlaubt, sich gegen diese Ungerechtigkeit zu wehren, dann ist klar: Das ist eine toxische Beziehung, die schleunigst beendet werden sollte. Aber in großem Maßstab wird erwartet, dass man in die Duldungsstarre geht und sich am Ende auch noch dafür bedankt, erleuchtet worden zu sein.

Wenn man will, dass sich verschiedenste Leute als Mitglieder einer Gemeinschaft begreifen, muss man die Gemeinsamkeiten betonen, eine verbindende Klammer finden. Vergangenes Unrecht einer Seite lässt sich nicht dadurch beseitigen, dass man der anderen Seite erlaubt, Unrecht zu begehen. Vielmehr muss die Bereitschaft da sein, vergangene Feindseligkeiten zu verzeihen und endgültig ruhen zu lassen. Sie dürfen kein Knüppel sein, mit dem man bei anderen Schuldgefühle hervorrufen und egoistisch seine eigenen Interessen durchsetzen kann. Daryl Davis hat sich mit über 20 Mitgliedern des Ku-Klux-Klans angefreundet und über 200 davon überzeugt, den Klan zu verlassen. Er schaffte das, indem er ihnen zeigte, dass er und sie gar nicht so verschieden sind.

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Dank dir haben Weiße spätestens jetzt diese Erfahrung auch, liebe Associated Press.

Morgan Freeman sagte 2005 auf die Frage, wie wir Rassismus loswerden, man solle einfach aufhören, darüber zu reden. Und das dürfte vermutlich tatsächlich erfolgversprechender sein als diese Krawalloffensive, die derzeit vorangetrieben wird.

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