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Die koreanische Teilung

Zaghafte Modernisierung

Trotz der für Japan erfolgreichen Kraftprobe sah man das Inselreich in Korea nicht als größte Bedrohung an. Vielmehr fürchtete man sich vor Russland, welches immer klarer durchblicken ließ, dass es die Schwäche Chinas ausnutzen und seinen Einfluss in Ostasien ausdehnen wolle. Joseon begriff (auch auf Rat Chinas), dass es sich ähnlich wie Japan modernisieren muss, um gegen Russland zu bestehen. Zudem suchte man nach einem Verbündeten, der als Gegengewicht zum russischen Kaiserreich agieren könnte. Deswegen wandte man sich nun doch an die Vereinigten Staaten von Amerika. Unter Vermittlung der Chinesen wurde 1882 ein Freundschafts- und Handelsvertrag geschlossen, der auch gegenseitige Unterstützung zusicherte, falls einer der Vertragspartner von einer fremden Macht bedroht würde. Ein Streitpunkt, der den Abschluss des Vertrags verzögerte, war der Status Joseons: Die USA bestanden darauf, das Königreich (wie im Vertrag mit Japan) als unabhängigen Staat zu behandeln, nicht als Abhängigen Chinas. Schließlich wurde die Übereinkunft getroffen, Joseon im Vertrag selbst als unabhängig anzusehen, aber das Königreich würde später eine diplomatische Note an die Regierung der USA schicken, in der es seine Abhängigkeit von China bekräftigte. Dieser Vertrag wurde zum Muster für weitere Verträge Koreas und auch Chinas mit den westlichen Ländern. In den Folgejahren wurden ähnliche Abkommen zwischen Joseon und Großbritannien, Deutschland, Italien, Frankreich und sogar Russland geschlossen.

Zur Modernisierung des Königreiches bemühte man sich nicht direkt um Experten aus dem westlichen Ausland, stattdessen wandte man sich an die Chinesen und Japaner, um von ihnen die Methoden zu übernehmen, die diese wiederum von den Westmächten adaptiert hatten, als sie ihre Armeen und Produktionstechniken reformierten. Die Japaner waren durchaus interessiert daran, Korea gegenüber westlichen Mächten zu stärken und dabei durch eigene Beiträge ihren Einfluss auf der Halbinsel zu vergrößern, zumal sie immer mehr auf den Handel mit Lebensmitteln aus Korea angewiesen waren. Sie waren aber durch innere Unruhen in der eigenen Reformzeit zu geschwächt, um umfassend aktive Unterstützung zu leisten. Man entsandte allerdings einen Militärattaché, der eine nach modernen Maßstäben geschulte Truppe innerhalb der Joseon-Armee nach japanischem (und im Endeffekt preußischem) Vorbild aufbauen sollte. Diese Truppe wurde besonders gut ausgerüstet und besser versorgt als die regulären Soldaten des Königreichs.

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Traditionelle koreanische Hütten im 19. Jahrhundert

Auch das Reich auf der koreanischen Halbinsel hatte interne Probleme: Eine große Dürre im Jahr 1882 verstärkte die wirtschaftlichen Schwierigkeiten des Reiches und die Nahrungsmittelknappheit und schürte Unfrieden in der Bevölkerung. Auch bei den Soldaten wuchs die Unzufriedenheit: Sie hatten (abgesehen von der nach japanischem Vorbild organisierten Spezialtruppe) seit über einem Jahr die zugesicherte Portion Reis nicht bekommen. Um die Armee zu beruhigen, wies König Gojong seinen Finanzminister (einen Neffen der Königin Min) an, ihnen wenigstens einen Monatssold in Reis auszubezahlen. Der vom Finanzminister beauftragte Verwalter verkaufte jedoch einen Großteil des Reises und streckte den Rest mit Hirse und Kleie, wodurch das, was schließlich bei den Soldaten ankam, nicht mehr essbar war.

Die Soldaten in Seoul meuterten. Dem Aufstand schlossen sich bald auch unzufriedene Bürger der Hauptstadt an. Ein Teil der Aggressionen wandte sich gegen die Regierung: Man drang in den königlichen Palast ein und tötete den Finanzminister. Auch Königin Min wollte man ermorden – hatte sie doch in den vorherigen Jahren gezielt viele Posten in der Verwaltung mit Mitgliedern ihrer Familie besetzt. Es gelang ihr jedoch dank einer loyalen Wache, in Verkleidung einer normalen Hofdame zu entkommen. Ein weiteres Ziel der Aufständigen waren die Japaner. Der japanische Militärattaché wurde ermordet, ein Mob zog zur Residenz der japanischen Gesandtschaft in Seoul. Die meisten konnten mit knapper Not auf ein kleines Boot entkommen, wurden schließlich von einem britischen Erkundungsschiff auf offenem Meer aufgelesen und nach Nagasaki gebracht. Fünf Japaner der Gesandtschaft fielen den Aufrührern zum Opfer.

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Die Flucht der japanischen Gesandtschaft auf einer japanischen Tuschezeichnung.

Die Chinesen erfuhren erst durch ihren Gesandten in Japan von der Revolte auf der koreanischen Halbinsel. Sie schickten 4500 Soldaten, um der Joseon-Regierung dabei zu helfen, den Aufstand niederzuschlagen. China beschloss, seinen Einfluss auf Korea wieder zu verstärken, lieferte Waffen, trainierte das koreanische Militär und half, die koreanische Verwaltung zu reformieren. Japan wurden in im Vertrag von Chemulpo Reparationen zugestanden – sowie das Recht, eigene Soldaten zum Schutz der Japaner in Seoul zu stationieren. Auf die Reparationen verzichtete das japanische Kaiserreich zwei Jahre später, um die Beziehungen zu Joseon zu verbessern.

Die Innenpolitik des koreanischen Königreiches wurde von Leuten bestimmt, die behutsame Reformen im Sinne des chinesischen Vorbilds anstrebten, nach der Devise „Technologie aus dem Westen übernehmen, aber ohne die eigene Kultur zu verändern“. Es gab jedoch auch Gegner dieser Politik. Die Gaehwadang, eine Partei junger, gebildeter Koreaner, strebte radikalere Reformen nach dem japanischen Vorbild an, gleiche Rechte für alle Bürger, eine konstitutionelle Monarchie und ein Ende der chinesischen Einflussnahme auf die koreanische Innenpolitik. Diese jungen Nationalisten wurden von Japan unterstützt.

Im Dezember 1884 unternahm die Gaehwadang einen Putschversuch, nahm König Gojong gefangen und überstellte ihn der Aufsicht japanischer Soldaten. Die Putschisten ermordeten und verletzten mehrere Amtsträger der alten Verwaltung und proklamierten eine neue Regierung, die ein radikales Reformprogramm ausarbeitete. Bevor dieses Programm aber verkündet werden konnte, hatte die Königin bereits militärische Unterstützung der Chinesen angefordert, die den Putsch ohne viel Mühe niederschlagen konnten, da die Putschisten lediglich vom japanischen Militär unterstützt wurden. Im Zuge der Kämpfe wurden 40 Japaner und mehrere Putschisten getötet, das Gebäude der japanischen Gesandtschaft niedergebrannt. Die Überlebenden flohen per Schiff nach Japan, welches seinerseits Kriegsschiffe und Soldaten nach Korea entsendete.

Noch im Januar 1885 stellte ein neuer Vertrag zwischen Joseon und Japan die diplomatischen Beziehungen wieder her und sprach den Japanern neue Reparationen zu, zudem ein Grundstück für ein neues Gesandtschaftsgebäude. Mit den Chinesen schlossen die Japaner wenige Monate später das Abkommen von Tientsin, in dem beide Mächte vereinbarten, ihre Soldaten aus Joseon abzuziehen und sich gegenseitig in Zukunft vor der Entsendung von Streitkräften zu unterrichten. Japans Einfluss auf die koreanische Innenpolitik war mit dem Scheitern der Gaehwadang drastisch gesunken.

In Korea vergaß man den Putsch allerdings nicht so leicht. 1894 versuchten koreanische Attentäter, einen der Organisatoren des Putsches in Tokyo zu ermorden. Ein Anschlag auf einen weiteren Rädelsführer, den man von Japan nach Shanghai gelockt hatte, war erfolgreich. Die Chinesen weigerten sich, den Mörder anzuklagen, und gestatteten ihm, mitsamt der Leiche nach Korea zurückzukehren, wo sie zur Abschreckung gevierteilt und öffentlich ausgestellt wurde. Das belastete Japans Beziehungen sowohl zum Königreich Joseon als auch zum chinesischen Kaiserreich.

Krieg zwischen China und Japan

Der größte Bauernaufstand der koreanischen Geschichte sollte sich als Streichholz am Pulverfass erweisen. Wut über die Steuerlast und die Unfähigkeit der Finanzverwaltung trieb das Volk (wieder einmal) zur Rebellion. Obwohl die Aufständischen schließlich einem Waffenstillstand zustimmten, um die Intervention ausländischer Truppen aus China und Japan zu vermeiden, bat der verängstigte König Gojong in China um militärische Unterstützung. China machte tatsächlich seine Soldaten mobil und entsendete etwa 2800 davon nach Korea. Japan warf den Chinesen vor, damit das Abkommen von Tientsin gebrochen zu haben, während die Chinesen erklärten, dass Japan die Entsendung gebilligt habe. Die Japaner schickten ihrerseits 8000 Soldaten nach Korea.

Der Vorschlag Japans an China und den König von Joseon, die koreanische Regierung gemeinsam zu reformieren, wurde abgeschmettert. Zudem bestand König Gojong auf dem Abzug der japanischen Truppen. Ein Vermittlungsversuch der Briten zwischen den Konfliktparteien scheiterte. Im Juni 1894 besetzten die japanischen Truppen Seoul, inhaftierten Gojong und setzten eine pro-japanische Regierung ein, die alle Verträge mit China aufkündigte und die Japaner offiziell darum bat, die chinesischen Streitkräfte aus dem Land zu vertreiben. Der erste Japanisch-Chinesische Krieg hatte begonnen – und Korea war nicht nur der Grund dafür, sondern auch das Hauptschlachtfeld des Krieges.

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Japanische Soldaten im Kampf.

Der Krieg dauerte etwa ein halbes Jahr und zeigte die bedingungslose Überlegenheit des japanischen Militärs. Japan gelang es nicht nur, die chinesischen Truppen aus Korea zu vertreiben. Sie zerstörten einen Großteil der chinesischen Flotte, besetzten die Hafenstadt Weihawei auf der Shangdong-Halbinsel, drangen in die Mandschurei ein und eroberten Port Arthur (Lüshunkou), wo sie ein entsetzliches Massaker an der Bevölkerung verübten. Bevor sie die geplante Invasion Taiwans in Angriff nehmen konnten, bat der Qing-Kaiser um Frieden. China entließ Korea endgültig als Vasall, musste im Vertrag von Shimonoseki 1895 zudem Taiwan, die Penghu-Inseln und die Halbinsel Liaodong (an deren Spitze Lüshunkou liegt) an die Japaner abtreten. Einen Dämpfer gab es nach dem Sieg dennoch für die Japaner: Frankreich, Deutschland und Russland setzten (unter subtiler Kriegsandrohung) durch, dass Japan die Halbinsel Liaodong nicht behalten durfte und es formal an China zurückgeben musste. Anschließend pachteten die Russen das Gebiet von China und bauten Port Arthur zur Festung aus. Für das Kaiserreich Japan, das bisher glaubte, gute Beziehungen zu den europäischen Mächten zu haben, war diese diplomatische Demütigung Anlass, noch stärker in die Aufrüstung zu investieren, um in Zukunft gegen derartige Erpressungsversuche gewappnet zu sein.

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Japanische Soldaten enthaupten chinesische Kriegsgefangene.

Nach der erzwungenen Unabhängigkeit begann eine Neuorientierung im koreanischen Königshaus, die auch dadurch motiviert wurde, dass die koreanische Königin Min im Oktober 1895 von japanischen Agenten ermordet wurde. Um eine nationale Erneuerung in Gang zu bringen, wurden 1897 nicht nur umfangreiche Reformen nach westlichem Vorbild, eine Aufrüstung des Militärs und eine Verstärkung der Industrialisierung auf den Weg gebracht, König Gojong erklärte sich nun auch zum Kaiser Gwangmu und aus dem Königreich Joseon wurde ganz offiziell das Kaiserreich Korea. Die ermordete Königin wurde posthum zur Kaiserin erhoben.

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König Gojong, nun Kaiser Gwangmu, im Jahr 1897 in einer Uniform im westlichen Stil.

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