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Mampf im Müll

Vor einigen Monaten startete unsere Bundesverbraucherschutzministerin Ilse Aigner wieder einmal einen Kreuzzug gegen Lebensmittelverschwendung, nachdem irgendeine Studie herausgefunden haben will, dass jeder Deutsche jährlich im Durchschnitt 80 Kilogramm Lebensmittel wegschmeißen würde. Ist ja auch skandalös! In Afrika verhungern kleine Kinder, und wir werfen Lebensmittel weg. Gut, die Kinder in Afrika würden auch verhungern, wenn wir unsere Kühlschränke ratzekahl leerfressen würden, insofern halte ich dieses Argument sowieso für Blödsinn. Voller weißer Bauch macht den Neger auch nicht satt.

Dass viel weggeworfen wird, dürfte eigentlich für niemanden eine Überraschung gewesen sein. Wenn ein ganzes No-Name-Toastbrot 88 Cent kostet, aber ein halbes Toastbrot nur vom Markenhersteller für 1,39 Euro zu kriegen ist, kauft man natürlich das ganze Brot und schmeißt die Hälfte weg, wenn man das ganze Teil nicht vor dem Auftreten des ersten Schimmels vertilgen kann. Auch Obst und Gemüse fangen oft zu gammeln an, bevor man etwa im Singlehaushalt alles aufbrauchen kann. Man will schließlich nicht eine Woche lang immer das Gleiche essen. Ein bisschen kleinlaut verkündete unsere Ministerin schließlich, man wolle mit der Industrie über Packungsgrößen reden, um die Verschwendung zu reduzieren.

Eine wichtige Ursache für Lebensmittelverschwendung ließ man allerdings vollkommen außer Acht. Menschen in Industrieländern sind unwahrscheinlich mäkelig, was das Essen angeht, und die Deutschen sind dank der typischen German Angst die Beklopptesten.

Kommen wir zum Beispiel auf das Vergammeln von Obst und Gemüse zurück. Es wäre kein Problem, sie mittels Bestrahlung etwas haltbarer zu machen. Allerdings ist die Lebensmittelbestrahlung in Deutschland seit 1958 verboten. Das ist nicht etwa so, weil man damals irgendwelche gesundheitsschädlichen Auswirkungen erkannt hätte. Vielmehr hatte man es damals vorläufig verboten, bis eine ordentliche Risikobewertung die Unschädlichkeit dieser Methode attestieren würde. Die Überprüfung fand in Deutschland aber nie statt. International ist die Sache sehr gut erforscht, nur im bräsigen Deutschland sitzen wir seit über 50 Jahren auf einem vorläufigen Verbot, weil sich niemand traut zu sagen, dass die ganze Sache ungefährlich ist. Man kann allerdings drauf wetten, dass selbst im Falle einer Freigabe Scharen von dussligen Verbrauchern in blanke Panik ausbrechen würden, sobald sie den Hinweis auf die Bestrahlung sehen. „Strahlung“ gehört ebenso wie „Gentechnik“ zu den Wörtern, die bei vielen Menschen den Hirn-aus-Schalter auslösen.

Was Gentechnik angeht, ist man schon so weit von aller Vernunft entfernt, dass in Europa Honig verboten ist, der aus Pollen gewonnen wurde, die von nicht im jeweiligen Land zugelassenen gentechnisch veränderten Pflanzen stammen. Das geht auf ein Gerichtsurteil des Europäischen Gerichtshofes zurück, der feststellte, dass so ein Honig unter das Gentechnikrecht fallen würde. Um gesundheitliche Aspekte ging es dem EuGH gar nicht, sondern nur um das Verwaltungsrecht. Dass von diesem Honig keine gesundheitlichen Gefahren ausgehen, weiß man auch in den Mitgliedsländern. Und was macht man in Deutschland? Anstatt das Gentechnikrecht so anzupassen, dass derartiger Honig erlaubt wird, steigt man voll darauf ein und verkündet freudestrahlend, dass heimischer Honig ja ganz sicher gentechnikfrei wäre und die Hersteller sich das auch groß aufs Etikett schreiben dürfen. Und obwohl man auf der entsprechenden Seite des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz versichert, dass von dem Gentechnikhonig keine Gefahren ausgehen würden, behauptet man auf einer anderen Seite, dass es bei dieser Bestimmung ja um ein „hohes Schutzniveau für Leben und Gesundheit“ gehen würde. Und der Honig, der bis zu diesem Urteil ausgeliefert wurde und nicht den Bestimmungen entsprach? Der wurde weggeschmissen. Aber diese Lebensmittelverschwendung wurde nicht angeprangert.

Eine ähnliche Verschwendung gibt es immer dann, wenn mal wieder die Angst vor irgendeiner Seuche umgeht. In der Nähe eines Geflügelhofes muss nur mal eine Schwalbe erschöpft vom Baum fallen, und zack: Aus Angst vor der Vogelgrippe werden in dem Betrieb zigtausend Hühner gekeult. Man weiß zu dem Zeitpunkt nicht einmal, ob die Schwalbe tatsächlich die Vogelgrippe hatte, und am Ende stellt sich dann immer auch noch heraus, dass keines der Hühner infiziert war. Auf den Markt kommt das Fleisch dann trotzdem nicht – die Tiere sind sinnlos gestorben. Gleiches bei der Schweinepest: Es wurden Lebewesen prophylaktisch getötet und Tonnen an Fleisch vernichtet, bevor überhaupt klar war, ob wirklich eine Gefährdung für die Menschheit bestand. Es gibt Millionen Menschen auf der Welt, die froh wären, so ein Fleisch zu haben. Was für ein Luxusproblem bilden wir uns eigentlich ein, wenn wir unsere Nutztiere umbringen und verbrennen aus Angst vor Krankheiten, die wir durch den Verzehr des gebratenen Fleisches sowieso nicht kriegen können?

Ich wurde darauf hingewiesen, dass bei der Schweinepest die Schweine deswegen getötet werden, weil sich diese Pest sehr leicht versehentlich durch kontaminiertes Fleisch oder kontaminierte Gegenstände ausbreitet und somit sowohl Wildschweine als auch andere Schweinezuchtbetriebe befallen kann. Insofern ist das dann durchaus verständlich, obwohl es immer noch schade um das Fleisch ist.

In der letzten Zeit machte Pferdefleisch Schlagzeilen, welches auf verschlungenen Wegen in Hackfleischprodukte in ganz Europa fand. Ob Handelsmarke oder großer Markenhersteller, kaum eine Mahlzeit aus zerschreddertem Tier ist derzeit frei von dem Verdacht, altes Turnierpferd zu enthalten. Selbst in den Kötbullar-Klopsen von Ikea hat man in einigen Ländern Spuren von Black Beauty gefunden. Das eigentliche Problem von Medikamentenrückständen in den Sportpferden ist in den Endprodukten kaum mehr relevant, weil das Pferdefleisch nur immer einen winzigen Anteil ausmacht. Auch die Behörden versicherten, dass keine Gesundheitsgefahr von der My-Little-Pony-Lasagne ausgeht. Und trotzdem werden europaweit Hunderte Tonnen Lebensmittel vernichtet, obwohl die Leute das bisschen Hottehü nie herausgeschmeckt hätten.

Einen Nahrungsmittelmangel haben wir in Deutschland natürlich trotzdem nicht. Vielleicht ist das auch eine Erklärung, wieso man bei uns selbst bei Nebensächlichkeiten so verdammt anspruchsvoll ist. Ein ideales Beispiel gab es vor einiger Zeit in der Aufregung um Klebeschinken, also Schinken, der aus kleinen Fleischresten zusammengeklebt wird. Ich kann ja verstehen, dass man normal gewachsenen Schinken haben will, wenn man ihn an der Fleischtheke kauft und auch dafür bezahlt. Aber wer sich beschwert, dass auf seiner billigen Tiefkühlpizza Klebeschinken liegt, hat nicht mehr alle Latten am Zaun. Das gilt vor allem, wenn derjenige es nicht etwa durch den Geschmack des Schinkens herausfindet, sondern weil es die Zeitung mit den vier großen Buchstaben auf der Titelseite verkündet. Was soll die Industrie denn mit dem Fleisch machen, was sich nicht ganz so leicht vom Knochen trennen lässt und deswegen bloß in kleinen Fetzen abgepopelt werden kann? Es wegzuschmeißen, kann den Kritikern der Lebensmittelverschwendung ja wohl kaum vorschweben. Aber was soll man sonst damit tun, wenn es anscheinend niemand essen will? Alles in Tierfutter? Haustiere sind eh schon tendenziell zu dick, und solange man nicht wieder die Haltung von Bären, Tigern und Krokodilen legalisiert, dürften die bisherigen tierischen Mitbewohner leicht überfordert sein, das zusätzliche Nahrungsangebot zu absorbieren.

Ihren Beitrag zur Erziehung des Deutschen zum halbgebildeten Lebensmittelsnob leisten solche Vereine wie Foodwatch, die regelmäßig neue Lebensmittelskandale und angebliche Täuschungen aufbauschen, ohne dabei tatsächlich zur Aufklärung der Bevölkerung beizutragen. In einem Blogeintrag bin ich bereits einmal über Lebensmittelklarheit.de hergezogen. Die Verbraucherschützer beschwerten sich zum Beispiel darüber, dass ein Senf mit grünem Pfeffer seine grüne Färbung nicht durch den grünen Pfeffer erhielt, sondern durch Zugabe von Chlorophyll. Der Senf wäre ungenießbar gewesen, wenn man genug grünen Pfeffer reingemischt hätte, um die Farbe auf diese Art zu erhalten. Chlorophyll ist auch gesundheitlich absolut unbedenklich, es gab also überhaupt keinen Grund, diesen Senf und seinen Hersteller irgendwie anzuprangern.

Auch Foodwatch muss offenbar ganz schön strampeln, um genug „Mogeleien“ zu entlarven: „Der Früchtetee von Teekanne ist dreimal teurer als Noname-Früchtetee!“ Ach nee, No-Name ist billiger als Markenware? No shit, Sherlock. „Frucht-Tiger enthält zahnschädliche Citronensäure!“ Ja, so wie Orangensaft, Äpfel und Sauerkirschen. Gelegentlich prangert man dann auch pauschal das Vorhandensein von E-Nummern an. Die Zusatzstoffe sind ja schließlich Instrumente des Satans. Und auch hier zeigt sich, dass man an tatsächlicher Aufklärung nicht wirklich interessiert ist, weil kaum mal erwähnt wird, warum dieser oder jener Zusatzstoff jetzt so übel sein soll.

Eine E-Nummer als solche sagt nämlich nichts darüber aus, ob der Stoff schädlich, unnatürlich oder bedenklich ist. „Nimm-2-Bonbons enthalten Vitamin C“ klingt wie Werbung, „Nimm-2-Bonbons enthalten E 300“ wie eine Warnung. Sachlich bedeuten beide Sätze dasselbe. E 300 ist Vitamin C. Und dem Körper ist scheißegal, ob er es direkt aus einer Orange oder als Zusatzstoff aus einem Bonbon bekommt. Natürlich sollte man nicht zu viele Vitamine schlucken, aber dann sollte sich Foodwatch vielleicht lieber auf Vitamintabletten einschießen als auf Bonbons.

Noch engagierter ist man aber auf dem Kreuzzug gegen Mononatriumglutamat, also E 621. Damit hat Omi schon ihre Hausmannskost gewürzt, sei es durch Maggi oder Knorr. Gesundheitliche Schäden sind nicht nachgewiesen, und nahezu jeder, der behauptet, es nicht zu vertragen, zeigt nur dann Reaktionen, wenn er tatsächlich glaubt, dass das Zeug in seinem Essen enthalten ist – egal ob es da ist oder nicht, eine Glutamat-Intoleranz ist also typisches Nocebo-Verhalten. Egal, wenn man billigen Websites und fragwürdigen Videos auf Youtube glaubt, ist es ein versteckter Killer! (Und dann haben sich biestige Ehefrauen so viele Jahrzehnte mit Rattengift abgemüht, um ihre Kerle zu vergiften. Tststs.)

Glutamat ist aber nicht der einzige versteckte Killer in unserer Nahrung, es gibt da ja auch noch E 951: Aspartam. Der Süßstoff wird ebenfalls in aufgeregten Youtube-Videos als pures Gift gegeißelt, mit dem uns die Lebensmittelindustrie aus Profitgier alle umbringen wird. Aber der Staat tut ja nichts! Wenn man dann mal nachforscht, was hinter den Behauptungen steckt, stellt man auch fest, wieso der Staat nichts tut: Die angebliche Gesundheitsgefährdung ist totaler Bullshit. Es gibt zwar Leute, die aufgrund einer Stoffwechselerkrankung kein Aspartam konsumieren dürfen, aber die dürfen auch keine Milch trinken. Ich warte schon auf die Videos, in denen Milch als der nächste geheime Killer entlarvt wird.

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