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Keine Kinderbücher meiner Kindheit

Ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass ich irgendwann ein liebevolles Mädchen treffe, das ihren Schoß zur Verfügung stellt, um kleine Klopfer heranzuzüchten. Und natürlich hege ich auch die Erwartung, dass meine Lendenfrüchte einige meiner Vorlieben erben, so zum Beispiel das Lesen. Insofern ist es eine meiner Fantasien, die Juniorhasen an die Bücher heranzuführen, die ich als Kind am liebsten hatte. In diesem Sinne: Liebe Verlage, könntet ihr bitte damit aufhören, klassische Kinderliteratur zu schänden?

Meine liebste Buchreihe war die siebenteilige Zauberland-Serie des russischen Autors Alexander Wolkow. War der erste Band „Der Zauberer der Smaragdenstadt“ noch eine freie Nacherzählung von Frank Baums „Wizard of Oz“, entwickelte sich dieses Universum ganz eigenständig weiter. Die Bücher werden auch heute noch aufgelegt, allerdings nicht mehr so, wie sie Hunderttausende Leser über Jahrzehnte kennen und lieben gelernt haben. Sei es wegen der Rechtschreibreform, sei es aus purer Bosheit, der Verlag verpasste den Büchern ab 2005 eine neue Textfassung, die nicht nur nüchterner und farbloser, sondern auch wesentlich kürzer als die ursprüngliche Übersetzung war. In einigen Bänden fehlen sogar ganze Kapitel, was dazu führt, dass man sich an Besitzer älterer Ausgaben heranschmeißen muss, um ihr Vertrauen zu gewinnen und ihnen in einem günstigen Moment die Kehle durchzuschneiden, um schließlich mit den Büchern im Dunkel der Nacht zu verschwinden.

Andere Kinderbücher werden in zunehmendem Maße aus Gründen politischer Korrektheit textlich verschandelt. Die Abenteuer von Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf sind seit den 40er Jahren des letzten Jahrhunderts für Millionen Kinder allerbeste Unterhaltung, meisterhaft erzählt von Astrid Lindgren und nicht ohne Grund mehrmals verfilmt worden. Pippi ist frech, mutig und lässt sich von Autoritäten nicht einschüchtern. Und doch ist die arme Pippi seit einigen Jahren in Deutschland das Opfer von Sprachreinigern. Ihr Papa ist bekanntermaßen nicht nur Kapitän der Hoppetosse, sondern auch Negerkönig in der Südsee. Das allerdings nur, wenn man eine Ausgabe vor 2009 liest. Inzwischen ist er nur Südseekönig. Auch Vorkommen des Wortes „Zigeuner“ wurden aus dem Text entfernt. Zu Lebzeiten hat Astrid Lindgren sich immer gegen solche Bearbeitungen gewehrt.

Auch Otfried Preußler verbat sich bis kurz vor seinem Tod, dass sein Verlag aus seinen alten Büchern wie „Die kleine Hexe“ einfach alle Neger streicht. Außerdem darf die Hexe nicht mehr drohen, Kinder mit ihrem Besen durchzuwichsen, auch wenn es vielleicht mal ganz gut wäre, wenn man auch mal andere Bedeutungen für heutzutage anstößige Wörter lernt. Aber die sprachliche Authentizität müsse ja der sprachlichen Weiterentwicklung untergeordnet werden, meinte sein Verleger. Nein, verdammt noch mal!

Bücher sind Zeugnisse ihrer Entstehungszeit. Keiner käme auf die Idee, Robinson Crusoe ein Handy zu verpassen, weil die Kids heute nicht mehr verstehen könnten, dass es damals einfach keine Handys gab. Warum also traut man den Kindern heute nicht mehr zu, die damaligen Sprachgewohnheiten und die zwischenzeitlich eingetretenen Veränderungen zu verstehen? Wo kommt dieser Irrglaube her, dass wir Kinder in Büchern und Filmen nur mit Dingen konfrontieren dürfen, mit denen sie schon vertraut sind? Ich habe als Knirps viel über andere Kulturen und Zeiten durch Kinderbücher gelernt, die sich eben nicht darauf verließen, dass ich all das schon weiß, was ich da lese. Ist es dann heute so schwer, bei inzwischen verpönten Wörtern eine kleine Fußnote zu setzen, die sagt: „Das Wort darf man heute so nicht mehr sagen, weil sich Neger oder Zigeuner davon beleidigt fühlen“? Oder wenigstens ein „Frag deine Eltern, warum das ein böses Wort ist, das faule Pack kann sich schließlich auch mal wieder um dich kümmern“?

Einer Umfrage der „Bild am Sonntag“ (ja, ich weiß) zufolge wird die Sprachzensur in Kinderbüchern eher von bildungsfernen Schichten befürwortet. Je größer die Bildung, desto höher anscheinend das Vertrauen, dass die Kinder mit solchen Wörtern umgehen können, ohne nach der Lektüre zum Asylantenklatschen aus dem Haus zu laufen. Vielleicht ist das ja auch Teil des Problems: Wer sich nicht um das kümmern will, was das Kind liest und lernt, oder einfach zu blöd dafür ist, muss auf die Fürsorge der Verlage vertrauen, die ihre Kinderbücher regelmäßig auf verbotene Wörter filzen.

Aber wo hört das dann auf? Sollten dann auch alle „Fräuleins“ aus den Büchern getilgt werden? Dürfen in den Romanen von Karl May noch unzutreffende Behauptungen über den Islam oder die amerikanischen Ureinwohner überleben? Können einem Kind die Darstellungen brutaler Erziehungsmaßnahmen im „Struwwelpeter“ überhaupt zugemutet werden? Reißen wir aus Gesamtausgaben von Ludwig Uhlands Werken die Seiten mit der „Schwäbischen Kunde“ lieber ganz heraus, weil diese Heldenballade Türkenfeindlichkeit propagiert? Und wenn wir schon dabei sind, warum sollen wir nur bei Kindern darauf achten, ob die Wortwahl in ihren Büchern genehm ist? Bei Erwachsenen ist es schließlich noch unwahrscheinlicher, dass sie bei Unklarheiten nachfragen oder sich belehren lassen, also sollte man doch am besten eine Bundesschrifttumskammer einrichten, die alle Druckwerke darauf prüft, ob sie auch nur das derzeit erwünschte Vokabular verwenden. Zuerst fangen wir mit der Bibel und der ständigen Erwähnung des HERRn darin an, schließlich haben wir durch unsere Bundesfamilienministerin Kristina Schröder gelernt, dass es auch „das liebe Gott“ heißen kann.

Ich glaube daran, dass ein Buch nur vom Autor selbst oder mit seiner Erlaubnis geändert werden sollte, immerhin ist es sein Name, der auf dem Cover steht. Es gibt durchaus gute Gründe, als Verlag an den Autor heranzutreten, um eine Überarbeitung anzuregen. Bei einem recht bekannten und erfolgreichen Kinderbuchautor ist es so, dass er sich bei der Erstveröffentlichung vieler seiner Werke schlicht und einfach weigerte, einen Lektor an den Text zu lassen. Das Resultat war, dass die Bücher sprachlich ziemlich unterirdisch waren. Als es darum ging, die Bücher neu aufzulegen, stimmte er nach langem Ringen dem Lektorat zu. In diesem Fall war das Anliegen des Verlags vollkommen gerechtfertigt, die neuen Bücher lesen sich weitaus besser als die alten. Das sollte das einzige Argument dafür sein, warum man als Verlag seinem Autor eine Textänderung schmackhaft machen will: die Qualität des Buches an sich, nicht eine unliebsame Wortbedeutung.

Auch in den USA werden Bücher gerne mal verändert, um für Kinder angeblich besser verdaulich zu sein. Thomas Bowdler veröffentlichte Anfang des 19. Jahrhunderts „familienfreundliche“ Versionen von Shakespeare-Stücken und sorgte so dafür, dass im Englischen das Verb „to bowdlerize“ bis heute für das Zensieren von Büchern und anderen Medien steht. Bei modernen Ausgaben von „Dr. Dolittle“ wird nicht mehr vom schwarzen und weißen Mann geredet; in „Huckleberry Finn“ ist nur noch von „Sklaven“ die Rede und nicht mehr von „Niggern“, was ihre Lebensumstände sicherlich retroaktiv enorm verbessert.

Stolz können wir echt nicht darauf sein, dass wir immer noch versuchen, durch sprachliche Reinigung unerwünschtes Verhalten aus unserer Gesellschaft zu tilgen, weil das ja viel einfacher ist, als die Problematik verständlich zu machen. Wir können bloß hoffen, dass die Kinder nie spitzkriegen, was dieser ganze Krampf eigentlich bedeutet: dass man sie schlicht für zu blöd hält, alles zu begreifen.

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