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Das Martyrium der Barbara

Sie besitzt unzählige Häuser, Autos, Kleider, Pferde und Körper: Barbie. Sie war Astronautin, Ärztin, Rockstar, Rennfahrerin, Kampfpilotin, US-Präsidentin und Offizierin in der Star-Trek-Sternenflotte. Die kleine Plastikpuppe müsste demnach die reichste Frau der Welt sein. Insofern sollte es mich nicht wundern, dass sie sich im Laufe ihrer vielen Karrieren jede Menge Feinde gemacht hat.

Warum erzähle ich euch den ganzen Stuss? Nun, vor einigen Tagen hat in Berlin „Barbies Dreamhouse Experience“ geöffnet, eine Art lebensgroßes Barbie-Traumhaus mit allerlei Kram rund um Barbie und das, was ihre jungen Fans mögen. Bis zum August dürfen Eltern und ihre Kinder hier durch die Einrichtung stiefeln, dann wird das ganze Geraffel wieder zusammengepackt und geht auf Tour durch die Republik.

Barbies Traumhaus
Das Bild ist etwa zwei Wochen vor Eröffnung aufgenommen worden, ich war zu faul, ein aktuelleres zu machen.

Ich finde das – trotz des obszön hohen Eintrittsgeldes – in Ordnung. Allerdings bin ich auch keine Feme. Die Femen waren ja eigentlich die Frauen, die nackig gegen Wladimir Putin demonstriert haben, aber diese Form des Protests hat viele Nachahmerinnen gefunden. Und einige dieser nackten Nachwuchsamazonen blasen jetzt zum Sturm auf Barbies neues Haus in Berlin. Eine von denen hat zum Beispiel vor dem Eingang eine kleine Barbie ans Kreuz genagelt und angezündet. (Offenbar hat diese Intelligenzbestie das Prinzip des Märtyrertums nicht verstanden, wenn sie Barbie zu Jesus macht, um gegen sie zu demonstrieren.) Dummerweise hatte sie sich nicht einmal überlegt, wie sie ihre flammende Anklage an Mattel wieder löschen sollte, und die Betreiber der Anlage hatten aus unerfindlichen Gründen etwas dagegen, dass sie den Krempel in die sorgfältig in Schuhform gestutzte Hecke drückt.

Der Grund für die Rage: Barbie wäre frauenfeindlich, würde nur ein eindimensionales Frauenbild vermitteln, die „Modelmaße“ von Barbie würden Frauen und Mädchen auf ihre Körper reduzieren. Mal abgesehen von der Ironie, dass diese Behauptung von Frauen kommt, die ihre sekundären Geschlechtsmerkmale entblößen, weil sie sonst nicht glauben, genug Aufmerksamkeit zu bekommen, sind diese Vorwürfe sowieso Quark. Barbie hat keine Modelmaße. Im Gegenteil, Barbie ist total fehlproportioniert und könnte in Lebensgröße vermutlich nicht mal drei Meter gehen, ohne zusammenzubrechen. Barbie vermittelt auch nicht, dass Frauen beim Scheitern einer Karriere als Model oder Popstar nur noch als Heimchen am Herd zu gebrauchen sind. Barbie war eine der ersten Puppen überhaupt, mit denen Mädchen ansonsten typische Männerkarrieren nachspielen konnten. Es gab unter anderem eine Paläontologenbarbie, eine Feuerwehrbarbie, eine Architektenbarbie, eine Informatikerbarbie und eine Einbrecherbarbie. Ich schätze, Barbie hat mit ihrer Vielzahl von Berufen mehr falsche Hoffnungen in jungen Mädchen geweckt, als ihnen das ewige Dasein als Hausfrau schmackhaft zu machen.

Natürlich ist alles, was Barbie hat, furchtbar rosa. Und natürlich gibt es unzählige Barbie-Küchen. Das kann man auch als klischeehaft empfinden. Aber Kinder haben die Wahl, wie sie spielen wollen. Manche mögen Barbie als Tierärztin, die kleine Hundewelpen totspritzt. Manche wiederum mögen Barbie, wie sie Kuchen anbrennen lässt. Viele Mädchen (klein und groß) lieben pink und backen und kochen auch gerne. Und um mal von Barbie wegzukommen: Viele Mädchen möchten auch gerne Prinzessin sein. Und das ist überhaupt nicht schlimm oder schädlich.

(Übrigens war rosa vor über 100 Jahren noch eine Jungenfarbe. Ja, Winston Churchill trug als kleines Kind höchstwahrscheinlich rosa Kleidung. Ich finde, das ist Grund genug, es als Kleidungsfarbe zu rechtfertigen. Mehr hartkern als Churchill geht ja wohl kaum.)

Ich hatte mal den Eindruck, es ginge bei der Emanzipation darum, Wahlmöglichkeiten zu eröffnen. Frauen (und Männer) sollten selbst entscheiden, welchen Weg im Leben sie einschlagen wollen, welche Dinge sie genießen und welche Hobbys sie pflegen. Dieser Gedanke der Wahlfreiheit scheint heutzutage bei vielen Frauenrechtlerinnen in Vergessenheit geraten zu sein. Plötzlich geht es nicht mehr darum, dass die Frauen machen können, was sie wollen; auf einmal dürfen sie anscheinend nicht mehr die Dinge tun, die man früher für Frauen als selbstverständlich ansah.

Anscheinend erwarten manche heutzutage automatisch, dass Frauen tough sind, Karriere machen wollen, das Kochen anderen überlassen und der Freund im Bett höchstens bei der Selbstbefriedigung zugucken darf. Eine Frau möchte gerne Hausfrau und Mutter sein? Eine Frau kocht gerne für sich und ihren Mann? Und eine Frau mag es vielleicht, im Bett dominiert, gefesselt und geschlagen zu werden? Um Himmels willen, was für eine Verräterin an ihrem Geschlecht! Wie kann sie nur der Kampfbewegung der Radikalfeministen so in den Rücken fallen? Schließlich geht es darum, ihre Lebensbedingungen zu verbessern, wie kann sie es nur wagen, das zu tun, was ihr gefällt?

Das ist keine Übertreibung von mir, im Buch „Ketzerinnen“ der „lesbischen Feministin“ Sheila Jeffreys gibt es tatsächlich unzählige Absätze, in denen Frauen die Freiheit abgesprochen wird, solche sexuellen Neigungen ausleben zu dürfen, weil sie die männliche Aggression propagieren, selbst in lesbischen Beziehungen.

Den Kampf gegen Barbies, Hausfrauen, Hobbyköchinnen und Masochistinnen als Schlacht für die Emanzipation zu sehen, ist an Absurdität kaum zu überbieten. Man stelle sich vor, die Kämpfer gegen die Rassentrennung in den USA hätten gefordert, dass sich die Schwarzen jetzt auf alle Parkbänke und Bussitzplätze setzen dürften, abgesehen von denen, die vorher ausdrücklich nur für Schwarze waren. Was zur Hölle soll das für eine Freiheit sein, in der wieder so viele Optionen tabu sind, und das nicht etwa, um die Freiheiten der anderen zu schützen, sondern bloß, um wieder eine ideologische Engstirnigkeit zu verteidigen?

Eigentlich könnte mir das ja alles egal sein. Ich könnte diagnostizieren, dass die alle Frustfotzen sind, die mal ordentlich gebürstet werden müssten, und mich dann beim Lesen der Reaktionen darüber freuen, wie viele die Satire nicht erkennen. Aber mir tun diejenigen leid, die wirklich aufrichtig für Gleichberechtigung werben, aber sich weder Emanzen noch Feministen nennen können, weil die radikalen Vertreter dafür gesorgt haben, dass man sich beim Hören dieser Begriffe denkt: „Aha, strunzdumm und ignorant.“

Im Prinzip muss jeder selbst entscheiden, was er wie machen will und welche Konsequenzen er mit seinem Verhalten hervorruft. Ein Weg muss nicht schlechter oder besser sein, nur weil er älter ist. Manche Menschen entfalten sich im Beruf, manche bei der Erziehung ihrer Kinder, manche auch beim Sex. Das Wichtigste ist, dass man die Möglichkeit hat, eine informierte Wahl zu treffen. Barbie entschied sich immer für ihre Karrieren, eigene Kinder hatte sie nie, Sex konnte sie nie haben. Und für diese Entscheidung brannte sie am Kreuz.

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