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Alpha wie Arschloch

In einer perfekten Welt würde jeder, der sich selbst ironiefrei als Alphamann bezeichnet, einen so gepflegten Tritt in die Fresse kriegen, dass die Atome in seinem Kiefer miteinander verschmelzen. Nach meiner Erfahrung will jeder, der sich diese Bezeichnung wie einen Orden an die Brust heftet, damit sowohl begründen als auch rechtfertigen, wieso er so ein widerliches Arschloch ist und andere Menschen wie den letzten Dreck behandelt. Als Alphamann, so die implizite Aussage, sei es seine naturgegebene Aufgabe, auf anderen herumzutrampeln und dafür von seiner Umwelt bewundert zu werden. In Wirklichkeit hat er einfach nicht genug Tritte in die Klöten gekriegt für seine Unverschämtheit.

Um mal mit einem weitverbreiteten Irrtum aufzuräumen: Bei Wolfsrudeln in freier Natur gibt es kein Alphamännchen in diesem Sinne. Wolfsrudel sind Familien; der männliche Leitwolf ist schlicht und einfach der Papa. Die anderen männlichen Tiere sind seine Söhne und gründen irgendwann ihre eigenen Rudel, wenn sie alt genug sind. Aber selbst bei Tieren, bei denen es auch außerhalb einer Familie eine klare Hierarchie mit einem Leittier an der Spitze gibt, ist diese Position eine, die auf den Zusammenhalt und Schutz der Gemeinschaft ausgerichtet ist und bis zur Selbstaufopferung geht. Wird die Gruppe angegriffen, stürzt sich das Leittier zuerst in die Verteidigungsschlacht, selbst wenn es dabei zerfetzt wird und nur Zeit schinden kann, um den anderen die Flucht zu ermöglichen. Wie sich herausstellt, hält die Natur nichts davon, wenn es bei in Gruppen lebenden Tieren jemanden gibt, der von allen anderen Unterwerfung erfordert und Ressourcen verbraucht, aber sonst nichts zum Wohlergehen aller beiträgt. Wer also sein Arschlochverhalten mit seiner angeblichen Stellung als Alphatier zu begründen versucht, sollte ganz in seinem naturhörigen Sinne eher als Parasit wahrgenommen und ganz unzeremoniell in seinem eigenen Urin ersäuft werden.

Das passiert leider nicht. Stattdessen werden die angeblichen „Alphamänner“ hofiert und in ihrem ganzen asozialen Verhalten noch bestätigt. Die Logik dahinter sieht ungefähr so aus: Die Leute denken, dass die Arschlöcher ja irgendeine besondere Eigenschaft haben müssten, die es ihnen erlaubt, so zu handeln, ansonsten würde sich ja niemand von ihnen schikanieren lassen. Also lassen sie sich auch von den Arschlöchern schikanieren. Dabei wäre all das, was gute Arbeit ausmacht, auch spielend leicht möglich, ohne wie eine Arschgeige rüberzukommen.

Musterbeispiel dafür ist wohl Steve Jobs. Der Mann hat schon von Anfang an seinen Partner Steve Wozniak beschissen. Seine gesamte Karriere ist gepflastert mit Leuten, die von ihm wegen Nichtigkeiten zusammengeschissen wurden. Die Angst vor dem berüchtigten Jähzorn des Chefs machte die Arbeit bei Apple für viele Leute zur Qual. Bei Pixar schmiss er Leute ohne Vorwarnung und ohne Abfindung raus. Und er schiss auch gerne mal Leute zusammen, die gar nicht direkt für ihn arbeiteten. Er zeugte eine Tochter und bestritt die Vaterschaft, sodass Mutter und Tochter auf die staatliche Stütze angewiesen waren. Der Mann stampfte das Wohltätigkeits-Engagement von Apple ein und weigerte sich auch bei sprudelnden Gewinnen trotz der Appelle seiner Mitarbeiter, wenigstens ein kleines Sümmchen davon an die Gemeinschaft in Form von Förderungen und Spenden zurückzugeben. Er parkte mit seinem Auto auf Behindertenparkplätzen – und wo wir gerade beim Auto sind: Er beschaffte sich alle sechs Monate ein neues, weil er nach amerikanischer Gesetzeslage nach einem halben Jahr verpflichtet gewesen wäre, Nummernschilder an das Vehikel zu schrauben. Und das ging ja nun gar nicht, denn Steve Jobs war schließlich etwas Besonderes. Und obwohl er mittlerweile unter der Erde ist, kriechen ihm selbst diejenigen noch in den Enddarm, die zugeben, dass er ein Mistkerl war. Und das ist einfach menschenfeindlicher Schwachsinn, er hätte die guten Sachen, die er hingekriegt hat, auch tun können, ohne Leute zu verletzen. Leidenschaftlich zu sein heißt nicht, auf anderen herumtrampeln zu müssen.

Als weiteres Negativbeispiel kann Lyndon B. Johnson dienen. Der US-Präsident, der zunächst sein Amt nur bekleidete, weil JFK in Dallas das Hirn rausgeballert wurde, war ein stilloser Tyrann. Er nannte seinen Penis „Jumbo“ und liebte es, ihn zum Zeichen seiner Überlegenheit und als Begründung seiner Handlungen in Gesprächen mit anderen hervorzuholen. Er war bekannt dafür, Leute unter Druck zu setzen, zu bedrohen und nach Belieben rücksichtslos zu manipulieren. Seine eigene Ehefrau machte er selbst im Beisein anderer nieder, bis sie weinte. Und er gewann die nächste US-Präsidentenwahl.

Es gibt diese merkwürdige Vorstellung, dass es unmöglich wäre, sich und seine Vorhaben durchzusetzen, wenn man nicht rüpelhaft anderen über den Mund fährt und mit ausgefahrenen Ellenbogen alles durchknüppelt, was nötig ist. Dabei gibt es weltweit jede Menge Chefs, die problemlos in der Lage sind, eventuelle Einwände ihrer Untergebenen anzuhören, abzuwägen und dennoch mit ihren ursprünglichen Plänen voranzuschreiten, ohne dass die besagten Untergebenen sich ignoriert oder gar erniedrigt fühlen. Darin liegt wahre Führungsqualität, nicht im Niederbrüllen aller, deren Nasen oder Ansichten einem gerade nicht passen. Schließlich will man ja die Loyalität seiner Angestellten aufbauen, damit die motiviert genug sind, nicht einfach nur die Arbeitszeit mit minimalem Aufwand und geringster Produktivität abzubummeln. Wer nur dann rücksichtslos ist, wenn es anders wirklich nicht geht, führt viel effektiver und läuft weniger Gefahr, einen Ruf als irrationale Zeitbombe mit Amokläuferpotenzial zu erwerben, der in vielen Fällen eher geschäftsschädigend sein dürfte.


"Ab morgen hab ich Urlaub, soll der Arsch doch sehen, wie er ohne mich klarkommt."

Ein großes Problem dabei, dass wir Arschlöchern so in den Hintern kriechen und auf sie hören, liegt darin, dass Macht selbst wieder das Arschlochsein vergrößert. Sobald man in Leuten ein Machtgefühl hervorruft, verringert sich bei den meisten von ihnen das Einfühlungsvermögen, sie empfinden weniger Mitleid, urteilen härter über Verfehlungen anderer und sind dabei selbst eher davon überzeugt, dass sie sich selbst an allgemein gültige Regeln nicht halten müssten. Außerdem haben sie weniger Skrupel zu lügen. Dummerweise sorgt dieses verstärkte Arschlochverhalten wieder dafür, dass sie von anderen wiederum noch mehr bewundert werden, weil sie mit Dingen davonkommen, für die normale Menschen heftigst auf die Fresse kriegen würden.

Die Macht von Arschlöchern entsteht also nur bedingt aus ihrem eigenen rücksichtslosen Verhalten. Sie haben Macht, weil die Leute in ihrer Umgebung sie auf ein Podest heben und ihnen diese Macht quasi auf dem Silbertablett servieren. Und das führt wieder zu der deprimierenden Erkenntnis, dass ein Großteil der Menschheit schlicht und einfach zu blöd ist, in ihrem besten Interesse zu handeln. Man könnte fast annehmen, sie macht das absichtlich, um meine Menschenfreundlichkeit zu erodieren und mich selbst zu einem Arschloch zu machen. Immerhin – die Weltherrschaft wäre für mich dann wohl zum Greifen nahe.

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