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Wortgewalt

Auf eine etwas andere Weise funktioniert die Zwangsrekrutierung aufgrund von (vermeintlicher) Assoziation. Das hat man früher oft gerne benutzt in der Form: „Wenn du dein Land liebst, bist du für XYZ.“ Gerade im letzten Jahrzehnt kam aber auch ein anderes aktuelles Beispiel auf: „Wenn du für die Gleichberechtigung der Geschlechter bist, bist du Feminist.“

Das ist natürlich Stuss, denn erstens hat der Feminismus kein Monopol auf die Idee der Geschlechtergerechtigkeit und zweitens sind mächtige (und laute) Strömungen innerhalb des Feminismus sehr wohl der Meinung, dass Männer sogar unterdrückt und für das Patriarchat der letzten Jahrtausende bestraft werden sollten. Viele bekannte feministische Blogs haben keine Probleme, Vordenkerinnen dieser Strömungen wie Andrea Dworkin oder Mary Daly kritiklos zu zitieren und zu feiern. Im Gegenteil werden Feministinnen, die denken, dass auch Männer gesellschaftlich benachteiligt werden, geschasst und isoliert. Dazu gehört zum Beispiel Erin Pizzey, die Gründerin der ersten Frauenhäuser, die später auch für männliche Opfer häuslicher Gewalt eintrat, deswegen Morddrohungen radikaler Feministinnen erhielt und schließlich sogar ins Exil ging. Die von ihr gegründete Frauenhaus-Organisation „Refuge“ erwähnt nicht mal mehr ihren Namen. Eine weitere in Ungnade gefallene Feministin ist Christina Hoff Sommers, die sich mit der Benachteiligung von Jungen im Bildungssystem beschäftigte, deswegen von führenden Feministinnen zum Feindbild erklärt wurde und heute an keiner Uni mehr einen Vortrag halten kann, ohne Ziel von wütenden Protesten zu werden. Offensichtlich ist es also weder eine notwendige noch eine hinreichende Bedingung, an die Geschlechtergerechtigkeit zu glauben, um als Feminist anerkannt zu werden. Eines der jüngsten Beispiele ist die Filmemacherin Cassie Jaye, weil sie es wagte, in ihrer Dokumentation „The Red Pill“ Männerrechtler zu Wort kommen zu lassen. In dem Fall hatten feministische Aktivisten nicht nur die zugesagte Finanzierung des Films verhindert, sondern auch Kinos unter Druck gesetzt, den Film nicht zu zeigen, wobei die wildesten Lügen über den Inhalt der Dokumentation verbreitet wurden – auch in Deutschland.

Damit sieht man schon gut, wie die eigene Gruppe schließlich auch unter Kontrolle gehalten wird, indem man Worte umdefiniert und formt. Menschen sind soziale Wesen, und wenn sie in einer Gruppe sind (selbst wenn es nicht freiwillig ist), versuchen sie, die Anerkennung der Gruppe zu gewinnen oder zu halten, und dabei wird peinlich darauf geachtet, nicht die ausgesprochenen und unausgesprochenen Regeln zu übertreten. Und zu diesen Regeln gehört inzwischen auch: Versuche nicht einmal anzudeuten, dass die gegnerische Gruppe auch legitime Interessen haben könnte. Unterlasse es, dich in die andere Gruppe hineinzuversetzen, um ihre echte Motivation zu verstehen, anstatt dieses Zerrbild zu akzeptieren, das die eigene Gruppe von den anderen vorgibt. Zeige nicht, dass die anderen etwas anderes sein könnten als Monster. Das Feindbild muss als lebendige Bedrohung dargestellt werden, denn es ist meist das Einzige, das die Gruppe wirklich einigt.

Wenn das doch jemand wagt (in Sachen Feminismus etwa Cassie Jaye oder die Youtuberin Laci Green), wird er mit aller Härte aus der eigenen Fraktion ausgestoßen, direkt zum Gegner gezählt und mit Schmähungen und Hetze überzogen, um ihn zu diskreditieren. Das wird nicht nur gemacht, um ihn zu bestrafen: Es ist gleichzeitig ein Signal an die eigenen Leute, sich gefälligst nicht zu weit aus dem Fenster zu lehnen und die in der Gruppe herrschende Lehre anzuzweifeln. Nicht nur Sekten arbeiten so.

Sich an die Lehre zu halten, wird einem aber auch nicht leicht gemacht. Denn wenn alle tugendhaft sind, wie kann man als aufstrebender Mensch, der innerhalb der Gruppe nach besonderer Prominenz giert, beweisen, dass man tugendhafter als alle anderen ist? Man sucht sich Lappalien, die man mit viel Fantasie als Grenzüberschreitungen interpretieren könnte, und bezichtigt Mitglieder der eigenen Gruppe, diese unaussprechlichen Verbrechen begangen zu haben. Deswegen ist in Social-Justice-Kreisen das Konzept der Mikroaggressionen so beliebt. Kleinste Dinge, auf die man normalerweise keine drei Gedanken verschwenden würde, werden zu ernsthaften Beispielen von Gewalt, Rassismus, Homophobie, Transphobie oder Sexismus aufgebauscht.

Dass es eine Mikroaggression ist, wenn man sagt: „Ich finde, die qualifizierteste Person sollte den Job bekommen“, hatte ich in einer früheren Kolumne schon mal erklärt. Es ist aber auch eine Mikroaggression, wenn man (als Weißer) von sich sagt: „Ich bin nicht rassistisch, ich sehe keine Rassen, nur Menschen“, weil man damit seinen inneren Rassismus, den man mit dieser bleichen Hautfarbe zweifellos hat, verleugnet. Amerikanische Universitäten haben bereits die Phrase „politisch korrekt“ und die Bezeichnung der Vereinigten Staaten von Amerika als „Land der Möglichkeiten“ als Mikroaggressionen eingestuft. Eine fremdländisch aussehende Person zu fragen, wo sie herkommt, ist eine Mikroaggression, weil sie andeutet, derjenige würde nicht hierhergehören. In Afrika oder Asien haben die Leute auch keine Skrupel, jemanden nach seiner Herkunft zu fragen, wenn jemand nicht so aussieht, als wäre seine Familie schon tausend Jahre in der Gegend heimisch. Das könnte man auch einfach als Interesse an Mitmenschen und neuen Eindrücken verstehen. Aber nein, die schlimmste Interpretation muss es sein. Auch der Vorwurf der kulturellen Vereinnahmung (cultural appropriation) wird gerne hervorgeholt – obwohl echte Chinesen sich freuen, wenn ein amerikanisches Mädchen auf dem Abschlussball ein chinesisches Kleid trägt und offenbar Gefallen an der chinesischen Kultur findet. In China ist man sich schließlich auch nicht zu fein, sich Inspiration in fremden Kulturen zu holen und ganz selbstverständlich an die eigenen Vorstellungen anzupassen.

Mikroaggressionen benutzt man nicht, um sie dem Gegner vorzuwerfen. Dem traut man eh zu, dass er kleine Kinder frisst, Tierheime anzündet und Omas vom Nachttopf schubst. Mikroaggressionen sind dafür da, damit man sie der eigenen Seite unter die Nase reiben kann, um seine eigene moralische Überlegenheit zu demonstrieren und den anderen ihre eigene vermeintliche Fehlbarkeit wie ein Schandmal aufzupinseln. Auch Leute, die zwar eine gewisse Sympathie für das grobe Ziel zeigen, aber noch nicht ganz auf Linie sind, können so gerne mal zu einem Treuebekenntnis gezwungen werden, als wollte man mit gerümpfter Nase von oben herab sagen: „Du bist doch nicht etwa einer von denen, oder? Beweise mir, wie ernst du es meinst, wenn du für das Gute bist!“

Die erwartete Reaktion darauf ist, dass der so Gescholtene voller Demut das Haupt senkt, wortreich seine Schuld eingesteht, Buße tut (und eventuell dabei auch etwaige Posten in der Bewegung aufgibt) und Besserung schwört. Das ist natürlich würdelos – und soll auch würdelos sein. Damit einer in der Hierarchie als Bewahrer der reinen Lehre nach oben steigen kann, muss ein anderer abstürzen, sichtbar für alle anderen. Das hat ein bisschen was von der Tierwelt, wenn ein schwächeres Männchen sich vor dem Rudelführer in den Staub wirft und den Hals zum Reinbeißen anbietet, um seine vollständige Unterwerfung zu demonstrieren. Und gleichzeitig wirkt es wie eine Ersatzreligion – inklusive der Erbsünde, die einen ohne eigenes Zutun befleckt, für die man sich aber trotzdem zu schämen hat. Die Erbsünde in Social-Justice-Kreisen? Das ominöse Privileg, das man unaufhörlich „checken“ soll. (Wäre eigentlich auch Stoff für eine Kolumne …) Das heißt eigentlich auch bloß, dass man seine Fresse halten soll.

Die vor einigen Jahren noch weltweit bejubelte Vorzeige-Videospielkritikerin Anita Sarkeesian (die von Medienanalyse allerdings so viel Ahnung hat wie ich vom Häkeln) erzählte auf einer Veranstaltung grinsend: „Alles ist sexistisch, alles ist rassistisch, alles ist homophob – und man muss darauf aufmerksam machen.“ Das ist Bullshit. Wenn alles sexistisch, rassistisch und homophob ist, verlieren die Wörter jede Bedeutung. Darauf aufmerksam zu machen, erfüllt dann nicht mehr als den Zweck der Tugendprahlerei: Guckt mal, wie „woke“ ich bin, weil ich so viele vermeintliche Missstände erkenne und anprangere! In Wirklichkeit ermüdet es die Leute. Wenn alles sexistisch, rassistisch und homophob ist, dann ist jeder sexistisch, rassistisch und homophob, ohne Ausnahme, und niemand weiß dann, wie das überhaupt aussehen soll, nicht so zu sein, weil dann wieder irgendein selbstgerechtes Arschloch eine Mikroaggression aus dem Hintern zieht, um sie anderen vorzuwerfen. Irgendwann macht sich bei den Leuten die Erkenntnis breit, dass da jemand einfach gehörige Scheiße labert und sich nur wichtigmachen will, und diese Erkenntnis reduziert die Lust, sich zu verbiegen und ein unrealistisches, utopisches Ideal anzustreben, welches insgeheim doch die eigenen Bedürfnisse und Gedanken verleugnen würde. Es kann auch nicht funktionieren, denn diese selbstgerechten Arschlöcher haben nie genug. Es geht ihnen ja auch mehr darum, durch Kritik an den anderen den eigenen Status zu erhöhen, als diesem Ideal einer friedlichen Welt voller Gleichheit, Freiheit und Harmonie näherzukommen. Vermutlich würden sie selbst in dieser Welt noch ein Haar in der Suppe finden, weil Minderheiten in bestimmten Räumen eher frieren oder schwitzen könnten als die Mehrheit.

Bis sich diese Erkenntnis, dass man es diesen Menschen nie recht machen kann, allerdings endlich durchsetzt, muss man sich immer noch Sorgen um die Rolle der Kommunikation machen. Wenn sie nicht mehr dazu eingesetzt wird, um den Standpunkt seines Gegenübers kennenzulernen und begreiflich zu machen, sondern nur dazu, mit der schlimmstmöglichen Interpretation aus dem Gesagten die schlechtesten Annahmen über den anderen zu bestätigen, dann hat sie ihre eigentliche Aufgabe verloren. Und anstatt ihr diese wiederzugeben, wird heute daran gearbeitet, die freie Meinungsäußerung zu beschneiden – und ironischerweise soll genau das die Demokratie schützen. Und dafür wird dann auch nach staatlichen Eingriffen verlangt, die der Staat dann auch zu gerne tätigt. Das sind Mittel, für die dann jede Diktatur dankbar wäre, und viele Leute jubeln. Für den Schutz der Demokratie. Kannste dir nicht ausdenken.

Ein extremes Beispiel lieferte kürzlich Schottland. Im April 2016 lud der schottische Youtube-Komiker Markus Meechan, besser bekannt als Count Dankula, ein Video auf seinem Kanal hoch, in dem er das Ziel hatte, den Mops seiner Freundin weniger niedlich zu machen, indem er dem Hund nach eigener Aussage verabscheuungswürdiges Verhalten beibrachte und ihn somit zum Widerwärtigsten machte, was Meechan sich vorstellen konnte: einen Nazi. Am Ende hob der Mops die Pfote zum Hitlergruß, wenn Count Dankula „Sieg Heil“ sagte, und wurde aufmerksam, wenn er „Vergast die Juden“ hörte. (Ich glaube, der Hund war nicht mal Arier.)

Ein Jahr später wurde er von der schottischen Polizei verhaftet. Und wieder fast ein Jahr später urteilte ein Gericht: Markus Meechan ist schuldig, ein Hassverbrechen begangen zu haben, indem er dieses schlimme, anstößige Video veröffentlichte. Er wurde zu einer Strafzahlung von 800 Pfund verurteilt, aber Meechan hätte dafür auch ins Gefängnis wandern können. Der Kontext und die Intention spielten nach Meinung des Gerichts keine Rolle, wenn es darum geht zu entscheiden, ob eine Äußerung Hasskriminalität ist oder nicht.

Das Urteil ist ein Skandal, und jeder, der auch nur einen Funken Sympathie für das Konzept der Redefreiheit hat, sollte von dieser Entscheidung mehr als angewidert sein. Es geht nicht einmal darum, ob man diesen Witz lustig oder geschmacklos findet oder nicht. Es sollte auch nicht darum gehen: Humor ist höchst subjektiv, und wenn schlechte Witze strafbar wären, wäre Ausbilder Schmidt ein Fall für den elektrischen Stuhl.

Dass aber jemand verurteilt werden könnte, ohne seine Absicht und den Kontext, in dem seine Äußerungen gefallen sind, einzubeziehen, und dabei einfach nur darauf zu achten, ob sich jemand angegriffen oder beleidigt fühlen könnte, ist absurd. Im besagten Fall hatte sich nicht mal jemand beschwert: Die schottische Polizei leitete aus eigenem Antrieb rechtliche Schritte ein.

Um mal zu verdeutlichen, wie katastrophal es ist, den Zusammenhang zu ignorieren, in dem etwas geäußert wurde: Allein meine Schilderung des Sachverhalts könnte mich in Großbritannien offenbar vor Gericht bringen, weil ich „Vergast die Juden“ zitiert habe. Der Kontext spielt ja keine Rolle. Auch Meechan hatte mit dem Video weder die Intention noch eine realistische Chance, Rechtsradikale zu antisemitischen Straftaten anzustiften, es sollte also weder Schaden angerichtet werden noch bestand ein Potenzial dazu, und spätestens da hat mein Gerechtigkeitsempfinden schwere Probleme, eine Bestrafung nachvollziehbar zu begründen.

Monty Python machten sich über Hitler lustig, indem sie sich als Nazis verkleideten und die Rhetorik des Dritten Reichs parodierten. „Ein Käfig voller Helden“ kommt selbst in der deutschen Synchronisation nicht ohne ein gelegentliches „Heil Hitler“ aus. Mel Brooks schuf mit „Frühling für Hitler“ eine Komödie, in der ein bewusst provozierendes Musical eines Nazis eine zentrale Rolle spielt. Auch die deutsche Kreativwirtschaft hat zum Beispiel mit dem Film „Mein Führer!“, der Co-Produktion „Iron Sky“ oder Walter Moers‘ Comicreihe über „Adolf, die Nazi-Sau“ aus dem unrühmlichsten Kapitel der deutschen Geschichte Humor zu schöpfen versucht. Immer benutzte man ironisch Teile der NS-Sprechweisen, um sich über Nazis lustig zu machen. Egal ob man diese Herangehensweise für gelungen hält oder nicht: Kaum jemand würde wohl auf die Idee kommen, dass dahinter der perfide Plan stecke, die Nazi-Ideologie zu verbreiten. (Der Zentralrat der Juden jammert gerne rum, dass so etwas die Nazi-Ideologie verharmlosen würde, aber das machen die wohl auch eher aus Gewohnheit, zumal sie damit auch jeder Menge Juden selbst vorwerfen, Nazis zu verharmlosen.)

Ganz besonders pikant bei diesem besagten Nazi-Mops-Fall: Es wurden schon einmal rechtliche Schritte gegen jemanden geprüft, der einem Hund den Hitlergruß beigebracht hat. Dieser Jemand war ein Finne, der sich damit während des Zweiten Weltkriegs über die Nazis lustig machte. Und selbst die Nationalsozialisten haben irgendwann eingesehen, dass es Quatsch wäre, deswegen rechtliche Schritte anzustrengen. Wenn selbst die Reichskanzlei des Führers mehr Augenmaß und gesunden Menschenverstand beweist als schottische Richter und selbsterklärte Streiter für Menschenrechte, sollte man mal in sich gehen und sich fragen, ob die Zivilisation in den letzten Jahren nicht falsch abgebogen ist.

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