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Telefonterror

Schon von weitem sehe ich das rosafarbene T, und während es näher kommt, wächst in mir ein ungutes Gefühl. Ich weiß nicht warum, vielleicht war der Kuhsaft am Morgen nicht mehr in Ordnung, oder der Hundehaufen an der Straßenbahnhaltestelle erzeugt ein Unwohlsein in mir. Egal, sei's drum, ich atme durch und betrete den T-Punkt. Noch bevor ich mich grob orientieren kann, springt mich ein Verkaufsäffchen an.

"Guten Tag, was kann ich für Sie tun? Ah, lassen Sie mich raten! Sie wollen das iPhone? Tut mir Leid, aber das gibt es erst am neunten November, ahaha!"

Das fängt ja gut an. Noch keine zehn Sekunden im Geschäft und schon hätte ich Grund genug, eine Schelle zu verteilen.

"Nein, ich will kein iPhone. Nicht mal geschenkt. Ich möchte umziehen und..."

"Ahahaha, als Möbelpacker bin ich doch eher ungeeignet, haha! Kleiner Scherz..."

... für den man in anderen Teilen der Welt straflos umgelegt werden kann, du Clown. Zu meinem Unwohlsein gesellen sich stechende Kopfschmerzen. Hoffentlich dauert das nicht lange.

"Ich wollte meinen Telefon- und DSL-Anschluss ummelden. Etwa um den neunten November rum." Und wehe, die erinnern sich daran nicht, weil sie zu viele iPhones verscheuern.

"Haach, da gehen wir gleich mal zum PC und geben das ein!" Wieso, kriegste das Tippen nicht alleine hin? Ich hatte mal einen Screenshot der Telekom-Seite gesehen, wo im Online-Bewerbungsformular gefragt wurde, ob die eigenen Eltern miteinander verwandt sind. Das Äffchen vor mir ist vermutlich erst eingestellt worden, als diese Frage bereits entfernt worden war. So etwas rächt sich natürlich. Aber warum rächt es sich ausgerechnet an mir?

"Sooo, Sie bekommen dann noch per Post eine Auftragsbestätigung, aber hier haben Sie schon mal einen Ausdruck. Ach ja, mit dem Wunschtermin kann es schwierig werden, weil wir ja sooo viel zu tun haben, ahaha!" Wenn ich noch mehr ahahaha höre, hat der Kerl noch mehr zu tun, und damit meine ich bluten.

"Auf Wiedersehen, beehren Sie uns bald wieder!"

Ich renne beinahe hinaus, um das abschließende Ahahaha nicht mehr hören zu müssen.


"Guten Tag, was kann ich für Sie tun? ..."

"Meinen Anschluss umziehen!", blaffe ich ungehalten, bevor das Äffchen wieder versucht, mir ein iPhone an die Backe zu nageln. Das Äffchen dreht sein künstliches Verkäuferlächeln noch mal ein paar Stufen höher, was es mir im Falle der Gewaltanwendung einfacher machen würde, seine gebleichten Zähne zu treffen.

"Ach, ich verstehe. Nun, da gehen wir doch mal zum PC und geben das ein." Nicht schon wieder...

"Das haben wir vor zwei Wochen schon gemacht. Mein Wunschtermin ist vorbei, und ich hab nicht mal die Auftragsbestätigung per Post bekommen. Ich sitze in einer Wohnung ohne Telefon und Internet und bin auf beides angewiesen."

"Oh, das tut mir aber Leid. Aber Sie haben doch sicherlich die Information bekommen, dass es etwas länger dauern kann?"

Hilfe. Ich hab Lust auf eine beruhigende Tasse Kakao.

"Wie lange kann's denn dauern, mir einen Formbrief zu schreiben? Geschweige denn die fünf Minuten aufzuwenden, um die Telefondose in meiner Wohnung anzuklemmen?"

"Haben Sie schon bei der Kundenhotline angerufen?" Womit denn, du Kasper?

"Ohne Telefon? Wenn ich das könnte, bräuchte ich nicht anrufen."

"Ahahaha, ich verstehe! Dann rufe ich mal für Sie an, nicht wahr?" Ahahaha. Ich wusste, dass ich das heute noch hören würde. Ich balle meine Fäuste, bis die Fingerknöchelchen weiß werden. Keine Gewalt. Nicht heute.

"Sooo, die Frau von der Hotline sagt, sie kann jetzt auch keinen Termin nennen, aber sie wird den Technikern Bescheid geben, dass es dringend ist. Kann ich sonst noch was für Sie tun, vielleicht ein iPhone... Hey, Sie haben es aber eilig, wo laufen Sie denn hin?"

Ich muss hier raus. Scheiß auf den Kakao. Ich brauch was Hartes. Vanillemilch.


Und wieder eine Runde...

"Guten Tag, was kann ich für Sie tun? Sie sind bestimmt interessiert am Apple iPhone..."

"Nein, aber am Termin, an dem Ihr Arbeitgeber endlich meinen Anschluss umzieht!"

"Da müssen Sie erst mal einen Antrag stellen. Wir gehen mal gleich an den PC und..."

"Sagen Sie mal, ist bei Ihnen innerhalb der letzten zwei Wochen eine Lobotomie schief gegangen? Den Auftrag hab ich vor über vier Wochen gegeben!"

"Ah richtig, ich erinnere mich an Sie! Haben Sie vielleicht eine Terminauskunft mit ihrer Auftragsbestätigung bekommen? Eventuell haben Sie das übersehen?"

Ich schaue mich kurz um. Eine Tastatur, eine Maus, ein Flachbildschirm und eine Art Barhocker. Ich könnte ihn also mit zwei Kabeln erwürgen oder mit zwei anderen Gegenständen erschlagen.

"Ich hab überhaupt keine Auftragsbestätigung bekommen. Und langsam verliere ich echt die Geduld!"

"Oh, das kann ich sehr gut nachvollziehen. Wir gucken mal eben Ihren Auftragsstatus an. Ahahaha, sehen Sie, er wird bearbeitet!"

"Na wenn die bei der Bearbeitung noch nicht mal zu dem Punkt gekommen sind, an dem sie mir einen Brief schicken müssten, will sich bei mir kein Optimismus einstellen. Klar, oder?"

"Ich telefoniere noch mal für Sie mit der Hotline, ja?"

Mein Blick streift noch einmal durch den Laden und taxiert kurz den Wert und die Brennbarkeit des Inventars. Eventuell würde ich auch kurze seelische Befriedigung erfahren, wenn ich einen Handydummy in einen der Flachbildschirme ramme.

"Sooo, ich habe noch einmal klar gemacht, dass es wirklich dringend ist. Sie sollten bis spätestens Mitte nächster Woche die schriftliche Auftragsbestätigung haben! Und damit Sie nicht mit leeren Händen unser Geschäft verlassen, wie wäre es mit einem Apple iPhone? Hey? Warum rennen Sie denn weg? ... Ich lasse es für Sie zurücklegen, okay? Ahahaha!"

Hier reicht Vanillemilch nicht mehr. Ich muss unbedingt auf Banane umsteigen.


"Guten Tag, was kann ich für Sie tun? ..."

"Wenn Sie jetzt was über das iPhone sagen, schieb ich Ihnen das quer in den Hintern, Bürschchen!"

"Oh, wir sind aber etwas aufgeregt, nicht wahr?"

"Ob Sie aufgeregt sind, weiß ich nicht. Ich bin aufgeregt, weil ich seit fast sechs Wochen ohne Telefon und Internet bin und die T-Com sich bisher nur die Eier geschaukelt hat!"

"Ach, Sie sind das! Kam denn inzwischen die Auftragsbestätigung an?"

"Raten Sie mal."

"Huch, wie ungewöhnlich. Da schauen wir doch gleich mal online nach dem Auftragsstatus. Ah, hier haben wir ihn ja. Oh, da hat sich ja was getan!"

Ich bekomme eigentlich nur "Huch", "Ah" und "Oh" mit, aber nachdem sich der letzte Satz komplett durch meine Synapsen gequetscht hat, horche ich doch auf.

"Es hat sich was getan? Was denn?"

"Ja, gestern gab es eine Änderung des Auftragsstatus. Da, schauen Sie? 'Auftrag wird storniert'!"

"Auftrag... wird... storniert..." Ich bin fassungslos. Und ich fühle mich plötzlich sehr unglücklich. Selbst wenn ich dem nervigen Äffchen jetzt das Genick breche, würde ich doch keine Befriedigung spüren, da der ja eigentlich auch nichts für den Quatsch kann.

"Wollen Sie mir erzählen, nachdem ich sieben Wochen gewartet habe, hat jetzt die T-Com keinen Bock mehr darauf, die Arbeit zu erledigen!?"

"Oh... das ist wirklich sehr ungewöhnlich... Soll ich den Auftrag noch einmal aufnehmen?"

"Nein, mir reicht's. Schreiben Sie ne Kündigung auf. Ich hab die Schnauze voll. Ich lass es mir woanders besorgen, und zwar schneller und schmutziger. Wenn's irgendwie möglich ist, geben Sie mir einen Karton, in den ich reinkoten kann, und den Sie dann an die Zentrale weiterleiten, klar?"

"Ahaha... beruhigen wir uns doch erst mal wieder, in Ordnung?" Okay, Jungchen. Ich beruhige zuerst dich, mal sehen, ob mich das auch beruhigt.

"Schreiben Sie die Kündigung!" Ich sage diese Worte im gleichen Tonfall, mit dem Gevatter Tod seine Kunden in die Ewigkeit abholt. Nach ein paar Minuten kann ich unterschreiben und stürze aus dem Laden. Das Äffchen traut sich nicht einmal, mir sein iPhone anzudrehen. Gottseidank. Ich muss jetzt auf Erdbeermilch umsteigen.


"Guten Tag, was kann ich für Sie tun? Möchten Sie vielleicht... Ach, Sie sind es!"

"Ja." Meine Stimme verrät dem Äffchen, dass etwas nicht stimmt. Trotzdem gibt er sich Mühe, tapfer weiter zu sprechen.

"Ihre Kündigung ist von der Zentrale mit Bedauern aufgenommen worden, aber falls Sie es sich anders überlegen wollen, darf ich Ihnen eine Gutschrift anbieten, die..."

"Die Kündigung gilt also? Und warum klingelt gestern Abend ein Kurier bei mir, schnauzt mich an, weil die T-Com die Adresse falsch abgeschrieben hat, und liefert einen DSL-Splitter bei mir ab?" Das Äffchen schaut mich verdutzt an und ist nun zum ersten Mal seit dem Beginn unserer "Freundschaft" richtig sprachlos. Ich knalle das Päckchen auf den Tresen.

"Geben Sie mir eine Rückgabebestätigung und leiten Sie diesen Brief an Ihre Zentrale weiter." Ich hatte in dem Brief noch einmal bekräftigt, dass ich die Kündigung wirklich ganz toll finde, auch wenn ja eigentlich die T-Com mich loswerden wollte.

"In Ordnung. Falls ich sonst noch etwas für Sie tun kann?", findet das Äffchen seine Kundenfreundlichkeit wieder.

"Nein danke. Wenn Sie etwas tun, tun Sie mehr als Ihr Arbeitgeber, und das weckt falsche Hoffnungen."

Ich stapfe aus dem Laden und schwöre, mir am Abend die Birne mit Kokos-Schokoladenmilch wegzuballern.


Es ist jetzt ein paar Tage her, dass die Kündigung noch einmal bestätigt wurde. Heute fand ich in meinem Briefkasten die Auftragsbestätigung der T-Com für den Umzug meines Telefon- und DSL-Anschlusses. Scheiß auf Milch, jetzt brauch ich Whisky.

Der Text ist nicht die ganze Wahrheit. Die T-Com hat wirklich den Auftrag sieben Wochen nicht bearbeitet, die Hotline war wirklich nicht nützlich, der Umzugsauftrag wurde dann wirklich überraschend von denen storniert, nach der Kündigung gab's auch den Splitter und nach der bestätigten Kündigung wirklich noch die Auftragsbestätigung für den ursprünglichen Umzug. Das Äffchen gibt's allerdings nicht, und ich war auch nicht im T-Punkt.

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