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Deutschland macht sich platt

„Deutschland schafft sich ab“ von Thilo Sarrazin war so eine Art Harry Potter für die Erwachsenenwelt. Noch bevor der Erstverkaufstag ganz verstrichen war, waren drei Auflagen mit insgesamt 110000 Exemplaren verkauft oder vorbestellt, eine vierte Auflage von weiteren 80000 Büchern hatte der Verlag bereits in Druck gegeben. Klar, dass mich der Neid zerfrisst, Sarrazins Erfolg meine Seele schwärzt und mich noch verbitterter in die Welt sehen lässt. Ein trockener Zahlenjongleur verkauft von seinem sperrigen Geschreibsel an einem Tag hundertmal mehr Bücher als ich in drei Jahren. Dabei hätte man seine Schwarte ruhig ignorieren können, die meisten Ansichten teilt Sarrazin bereits seit einer gefühlten Ewigkeit der Presse bei jeder sich bietenden Gelegenheit mit und wurde in den Medien bisher dafür wechselhaft mit Lob und Tadel bedacht. Schließlich war Thilo Sarrazin vor Jahren durch seine Versetzung zur Bundesbank politisch kaltgestellt worden, eben weil er sich als Finanzsenator in Berlin bei seinen Kollegen und vielen Einwohnern mit der Hetze gegen Hartz-IV-Empfänger und Moslems so beliebt wie Klötenfäule gemacht hatte. Im politischen Exil schrieb er ein Buch, und die Medienwelt vollführte das Kunststück, es gleichzeitig zu bewerben und zu zerfetzen.

Eine merkwürdige Allianz aus BILD und SPIEGEL druckte Auszüge aus dem Buch ab und fütterte sich selbst und den Rest der Journaille mit Futter, um eine spätsommerliche Empörung zu kreieren, die sich gewaschen hatte und vielleicht anderen Themen (wie fragwürdigen Gesetzesinitiativen) besser zugestanden hätte. Am meisten regte man sich aber zunächst über etwas auf, was der Sarrazin in einem Interview sagte und so nicht in seinem Buch steht: „Alle Juden teilen ein bestimmtes Gen.“ Das ist eine grobe Vereinfachung, aber man kann tatsächlich gebürtige Juden genetisch von anderen Populationen unterscheiden. Russische Juden zeigen zum Beispiel genetische Übereinstimmungen mit Juden in Amerika und Israel, die andere Russen nicht haben. Es gibt Erbkrankheiten, die unter aschkenasischen Juden verbreiteter sind als im Bevölkerungsmittel. Der Grund ist recht einfach: Die jüdische Religion basierte auf dem Glauben, das von Gott auserwählte Volk zu sein. Juden missionieren seit über tausend Jahren nicht mehr, und weil sie leider in der Geschichte zumeist wenig beliebt waren, gab es kaum Übertritte. Die Juden blieben also meistens unter sich, heirateten untereinander und waren so genetisch etwas isolierter als zum Beispiel die germanischen Stämme. In Israel weist man gerne stolz auf die enge genetische Verwandtschaft der Juden hin, der deutsche Zentralrat der Juden allerdings empörte sich wie üblich, als wenn Sarrazin gefordert hätte, wieder die Öfen anzuheizen. Dabei werden die Juden in Sarrazins Buch so gelobt, dass vermutlich selbst Michel Friedman die Passagen nur mit roten Ohren lesen könnte.

Eine besondere Dussligkeit kann man Sarrazin allerdings durchaus unterstellen, da sein Gedankengang ungefähr so abläuft:

  1. Die Juden teilen eine Religion.
  2. Die Juden schneiden in IQ-Tests im Durchschnitt einige Punkte besser ab als die Gesamtbevölkerung.
  3. Die Juden sind genetisch von anderen Gruppen unterscheidbar.
  4. Folgerung: Die Gene der Juden sorgen dafür, dass sie schlauer sind.
  5. Moslems sind bei uns überproportional in der bildungsfernen Unterschicht zu finden.
  6. Moslems teilen eine Religion.
  7. Folgerung: Die Muselmanen haben sich durch Vermehrung untereinander doof gezüchtet.

Das bricht natürlich schon allein logisch dadurch zusammen, dass der Islam anders als das Judentum nicht darauf verzichtete, den Glauben an den Gott Abrahams notfalls mit Gewalt zu verbreiten und statt der genetischen Eintracht ein wildes DNS-Süppchen herauskam, aus dem sich die muslimische Bevölkerung vielfältig entwickeln kann. Nebenbei gibt es natürlich nicht ein einziges Gen, was die Intelligenz festlegt, die genetische Intelligenz wird quasi bei jeder Vermehrung neu ausgewürfelt. Dass doofe Eltern so oft doofe Kinder haben, hat eben auch etwas mit der Erziehung zu tun. Man muss dem kleinen Kjell beibringen, nicht aus dem Benzinkanister zu saufen und sich in der Schule nicht wie ein lernresistenter Vollidiot zu benehmen, damit aus ihm was wird, selbst wenn er genetisch in der Lage wäre, mit Carl Friedrich Gauß mitzuhalten. Und das gilt nicht nur für Kjells, sondern auch für Yussufs, Nataschas und sogar Christians.

Den meisten Menschen, die Sarrazin jetzt aber hochleben lassen, ist der ganze Genetikmumpitz, den er in seinem Pamphlet ablässt, aber sowieso ziemlich schnuppe. Sie sind einfach nur froh, dass jemand Integrationsprobleme von Migranten anspricht, ohne dass mit dem üblichen Geschwafel von Einzelfällen und Randerscheinungen alles wieder relativiert wird und das Finden einer Lösung gar nicht mehr so dringlich erscheint. Dass nur zehn Prozent aller Ausländer sich der Integration verweigern, heißt schließlich nicht, dass wir damit prima leben können. Es ist tatsächlich ein Unding, dass wir überhaupt von türkischen Einwanderern in der dritten Generation reden müssen. Dass die erste Generation gewisse Schwierigkeiten hat, lässt sich durchaus nachvollziehen. Aber bei so ziemlich allen anderen Einwanderungsbewegungen tangierte es die dritte Generation kaum, dass ihre Großeltern nicht in Deutschland geboren wurden. Es ist also nicht alles eitel Sonnenschein. Es ist Tatsache, dass die Schulabbrecherquote unter türkischen Jugendlichen fünfmal höher ist als im Bevölkerungsdurchschnitt. Es ist Tatsache, dass die Bildungsqualität in einigen Berliner Schulen mit 100% Ausländeranteil so gesunken ist, dass selbst ehrgeizige Ausländer ihre Kinder lieber auf andere Schulen schicken. Es ist Tatsache, dass große arabische Familienclans Kinder zum Drogendealen schicken, weil diese strafunmündig sind. Es ist auch eine Tatsache, dass in einigen Discos die Türsteher Türken und Araber oft nicht mehr reinlassen, weil deren Landsleute den Besucherinnen immer zu sehr auf die Pelle gerückt sind und ein Nein nicht akzeptierten. In all diesen Fällen hilft es eben nicht, sich dauernd vor Augen zu führen, dass die Mehrzahl der Ausländer in Deutschland nicht so ist. Man muss trotzdem eine Lösung für die finden, die ein Problem darstellen.

Nachdem man sich also zwei, drei Wochen lang an Sarrazin aufgerieben hatte, fing man jetzt an, über das Problem an sich zu reden. Da kann sich Sarrazin durchaus auf die Schulter klopfen. Aber die Einfälle der Politiker bewegen sich auf alten, ausgetretenen Pfaden. Verbindlicher Deutschunterricht für Migranten? Wer nach drei Jahren kein Deutsch kann, fliegt raus? Macht mich irgendwie nicht an. Deutsch zu können, ist nicht das Ziel der Integration, sondern Mittel zum Zweck. Mir ist es ehrlich gesagt schon schnurz, ob Leute, die als Erwachsene nach Deutschland kommen, nach ein paar Jahren gut Deutsch können. Mit über 25 Jahren eine neue Sprache zu lernen, ist wirklich schwer (dank der Entwicklung des Gehirns im Laufe des Lebens), und wenn jemand dem Staat nicht auf der Tasche liegt und auch nicht kriminell ist, sollte er hier willkommen sein, selbst wenn er nicht Goethes „Faust“ lesen kann. Dass die Kinder dann die deutsche Sprache erlernen, passiert ganz automatisch, wenn ausländische Kinder von mehrheitlich deutschen Altersgenossen umgeben sind und nicht in Bildungseinrichtungen im Migrantenghetto geparkt werden. Damit so etwas aber funktioniert, darf es solche Ghettos gar nicht mehr geben. Wenn sich diese Menschen nicht mehr in Parallelgesellschaften zurückziehen können und so der Druck auf sie größer wird, sich zu assimilieren und an die Regeln zu halten, passiert die Integration automatisch – so funktioniert sie schließlich seit vielen Jahrhunderten. Damit das aber klappt, müssen die Ausländer bereit sein, sich nicht einzuigeln, und die Deutschen müssen bereit sein, integrationswillige Ausländer nicht auszugrenzen. Es müssen Gemeinsamkeiten gefunden werden, auf denen man aufbauen kann. Und ich weiß schon, welche Gemeinsamkeit man zuerst aufbauen müsste: Alle Deutschen und Ausländer sollten sich „Böses Hasi!“ kaufen.

Also ich finde meinen Plan gut. zufrieden.gif

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