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Lost in Translation

Eine Nachtfahrt durch Tokio später bringt Bob Scarlotta ins Bett, wobei sie kurz aufwacht und ihn noch mal irgendwie verliebt anguckt. Praktischerweise ist ihr Typ weg und hat aus irgendeinem Grund seine Frau aber nicht auf die Dienstreise in die Provinz mitgenommen. Aber ich schätze, er hat das Drehbuch gelesen. Bob nutzt die Situation aus und steigt mit ihr ins Bett und zieht sie aus, wobei die Kameraführung keine Blickwinkel offen lässt. Der Sex ist sichtlich ekstatisch und nicht gespielt... Ach Quatsch, ich verarsch euch: so hätte ich mir das Ende der Szene gewünscht. Dummerweise geht Bob einfach in sein Zimmer und telefoniert mit seiner Frau, wobei er feststellt, dass nicht mal seine Kinder mehr auf ihn hören, wenn er zigtausend Meilen von zu Hause weit weg ist und nur durchs Telefon präsent ist.

Lost in Translation "Beim ersten Mal piekt es vielleicht ein bisschen, aber wenn du dich entspannst, wird es auch für dich ganz schön." - "Ist gut, Papa."

Wieder mal Zeit für Comedy, oder? Okay: In einer Sushibar zeigt Scarlotta Bob ihren mittlerweile leicht angefaulten Zeh, den sie sich vor einigen Tagen angestoßen hat. Das ist die perfekte Überleitung für das japanische Krankenhaus, in dem mal wieder diese brüllend komischen Ich-versteh-kein-japanisch-Witze am laufenden Band abgeschossen werden, bis man mit vor Lachen schmerzendem Bauch unter dem Tisch liegt. Ich persönlich bringe mein Amüsement zum Ausdruck, indem ich mit starrem Gesicht auf den Bildschirm gucke und mir wünsche, dass es endlich vorbei ist.

Lost in Translation "Wenn du deine Hände einölst und mich reibst, werd ich größer!" - "..."

Zum Dank für die medizinische Versorgung hat Charlotte eine ganz tolle Idee für Bob: Sie lädt ihn in einen Stripclub ein. Da kann man sogar mal Brüste sehen, aber die ganze Atmosphäre des Films und die musikalische Untermalung mit dem Text "Suckin' on my titties" wollen so recht keine zünftige Erektion aufkommen lassen. Scheiße. Der Film ist gefährlich.

Lost in Translation Ganz zufrieden war die Frauenbeauftragte nicht mit den Jobs, die die Firma für weibliche Angestellte bot.

Nach so einem tollen Abend ist Scarlotte irgendwie langweilig, und nicht einmal ihre Lieblingsbeschäftigung (aus dem Fenster gucken, falls ihr es vergessen habt) kann ihr helfen. Da kommt ihr eine Zettelbotschaft von Bob grad recht, und kurze Zeit später sitzen sie in seinem Hotelzimmer, gucken Filme und erzählen sich gegenseitig, wann sie sich zuerst gesehen haben und welche Visage sie dabei gemacht haben. Wahnsinnig interessant, zumal sie ja beide dabei waren. Genauso wie der Zuschauer. Kaum zu glauben, dass der Film nur einen Oscar bekommen hat. Die Regisseurin vertreibt sich übrigens gern mal die Zeit, indem sie die Kamera aus dem Fenster gucken lässt. Anschließend liegen die beiden nebeneinander im Bett, und normalerweise denkt man sich ja "Na endlich!", aber irgendwie glaubt man nicht dran. Und man hat Recht. Sie reden nur über das Leben und die Ehe, und schließlich schaue ich als Zuschauer zu einem zufällig bereitliegenden Strick und denke mir: "Hm, passt." Können die nicht etwas optimistischer werden? Ich guck Filme, um unterhalten zu werden, nicht um erzählt zu bekommen, dass mein Leben immer beschissener wird. Gottseidank schlafen die beiden dann endlich ein.

Lost in Translation "Wollen wir uns 'Lost in Translation' angucken?" - "Wenn ich nein sag, schlägst du mich wieder zusammen, oder?"

Die nächste Einstellung zeigt Scarlotte, wie sie im Shinkansen nach Kyoto fährt. Das ergibt sich nicht aus der Story, und sie macht dort auch nichts, wofür man jetzt unbedingt Tokio verlassen müsste (Tempel gibt es in Tokio auch). Aber offenbar hatte Sofia Coppola wieder ihre Voxtours-Phase. Bob sitzt in seinem Hotelzimmer und sieht alt aus, bekommt ein Fax, rennt panisch durch Tokio und erzählt schließlich seinem Handy, dass er sehr gerne in eine komische japanische Talkshow gehen würde. Dabei wird sein Fax gezeigt, was lustigerweise nur eine gekrakelte Straßenkarte mit einem hervorgehobenen Sushirestaurant und die Worte "Bob, ruf mich an, falls du dich verspätest. Charlotte" beinhaltet. Es gibt keinen verdammten Grund, plötzlich aus dem Hotel zu rennen und durch Tokio zu laufen! Kann mir mal einer sagen, warum gerade das bescheuerte Drehbuch einen Oscar gewonnen hat!? Warum nicht die Kameraführung? Der Kameramann hat unheimlich große Fenster gefilmt, warum wird das nicht gewürdigt?

Lost in Translation "Ja hallo? Ich rufe an wegen den tabulosen Teenieschlampen, die Sie auf Ihren Flugblättern anpreisen..."

Prompt geht's zu der besagten Fernsehshow. Und was ich zum japanischen Fernsehen gesagt hab, stimmt natürlich immer noch. Noch furchtbarer als der Film, und der Showmaster trägt definitiv schwule Klamotten. Zum Glück dauert die Szene nicht länger als einmal aus dem Fenster zu gucken.

Lost in Translation Tony Blair wollte es nicht zugeben, aber George W. Bush wurde ihm mit jedem Besuch unheimlicher.

Schlimmer wird's für Bob aber danach, denn jetzt kommt wieder eine Zickenszene. Er sitzt grad im Bad und entspannt sich, als sein Handy klingelt und seine Olle ihn wieder wegen des Teppichs nervt. Als er ihr erzählt, dass er überfordert mit allem ist und jetzt eher auf seine Gesundheit achten möchte, indem er zum Beispiel mehr japanisch essen und auf Nudeln verzichten will (äh ja... als wenn Nudeln nicht zur japanischen Küche gehören würden), motzt sie zurück: "Dann kannst du ja gleich da bleiben!" Hallo, was geht denn hier ab? Ein Mann erzählt seiner eigenen Frau von seinen Sorgen, und die macht auf angepisste Planschkuh? Bob, nagel endlich die Kleine und schieß deine Alte in den Wind! Schließlich verabschiedet sich Frau Doofzicke mit der Bemerkung, dass sie unheimlich viel zu tun hätte und jetzt auflegen müsste. Dabei hat sie angerufen, die alte Frustmuschi.

Lost in Translation Manchmal wünschte Bob sich, er hätte den Job als Telefonsexanbieter abgelehnt.

Natürlich kann ihn jetzt nicht einmal mehr die Wiederholung seiner tollen Fernsehshow aufheitern, und deswegen schleppt er eine rothaarige Sängerin in der Hotelbar ab. Am nächsten Morgen klopft Scarlotta an seine Tür und ist sichtlich angefressen, als sie merkt, dass er da jemanden flachgelegt hat. (Keine Ahnung, ob sie enttäuscht ist, dass sie nicht angebumst wurde, oder dass er überhaupt seine Frau betrogen hat.) Das setzt sich bis später fort, als sie in einem Restaurant sitzen. Sie schmollt, er sitzt wie ein etwas peinlich berührter Pascha in der Ecke. Sonst passiert nichts. Aber ist ja eigentlich den ganzen Film über so.

Lost in Translation Sei bloß vorsichtig, wenn du die Tür wieder schließt, Bob.

Als nachts ein Feueralarm die Evakuierung des Hotels erfordert und die Beiden sich im Pyjama vor dem Hotel wieder sehen, haben sie sich aber wieder ganz doll lieb und erzählen sich, wie sehr sie sich vermissen werden, wenn er morgen wieder abfliegt. Sie gucken sich dann noch verliebt in der Hotelbar an, halten Händchen, und er redet davon, dass er gar nicht weg will. Natürlich, du kannst auch noch nicht weg, Bob, du hast die kleine Blonde noch nicht geknallt!

Lost in Translation "Wollen wir...?" - "Ich hab nur leider vergessen, wie das geht..."

Am nächsten Morgen guckt Bob aus dem Fenster (super...), während Charlotte ein Fax von ihrem Typen bekommt, der seine baldige Wiederkehr ankündigt (und dann wahrscheinlich das kriegt, was Bob nicht nehmen wollte). Charlotte bringt ihm zum Abschied seine Jacke vorbei, und es gibt einen eher halbherzigen Abschied in der Hotellobby, obwohl ihnen anzumerken ist, dass sie sich am liebsten die Klamotten vom Leib... Tschuldigung, ich weiß, ich komm immer wieder darauf zurück, aber ich bin seit längerer Zeit auf Sparflamme und der Film ist so entsetzlich unbefriedigend.

Lost in Translation "Die Reise der Pinguine" hat übrigens auch einen Oscar bekommen.

Bob fährt dann einige Zeit im Taxi, springt dann jedoch raus und rennt auf einer belebten Straße hinter Charlotte hinterher. Sie umarmen sich und weinen, er flüstert ihr ein paar Obszönitäten ins Ohr, und dann küssen sie sich. Zum ersten Mal im verdammten Film küssen sie sich. Und das ganz am Ende! Das ist doch zum junge-Hunde-kriegen! Die beiden gehen dann übrigens auch noch wirklich getrennte Wege. Verpasste Chance, Bob. Du hast mich sehr enttäuscht. So wie der Film und Sofia Coppola. Schande über euch.

Lost in Translation 80 Minuten zu spät. Mindestens.
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