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Gegenseitige Rücksichtnahme

Es war einmal ein kleines Männchen, das hatte gar fürchterbar die Schnauze voll von all seinen Mitmenschen, die unhöflich und rabiat miteinander umgingen. Da erschien eine schöne Fee eines Tages in seinem Haus und sagte: "Du warst immer lieb und artig, und du erinnerst mich an einen knuffigen Hasen, und deswegen werde ich dir drei Wünsche erfüllen."
Das Männchen überlegte kurz und sprach dann: "Wohlan, danke für das Kompliment. Jeder weiß, dass Hasen die liebsten und artigsten Lebewesen auf dem gesamten Erdenrund sind. So höre meine Wünsche: Zuerst möchte ich, dass wir mal kurz in mein Häuschen gehen und ein Nümmerchen schieben, denn du siehst jung und knackig aus. Zum zweiten wünsche ich mir einen mittelgroßen Laster voller Geld. Und zum dritten möchte ich, dass die Menschen nicht mehr so schlecht miteinander umgehen, sondern sich gegenseitig mit Respekt behandeln."
Die Fee war gerührt von soviel Uneigennutz. Sie ging mit dem Männchen in sein Häuschen, und sie rammelten zwei Tage und zwei Nächte durch. Und die Fee tat das gerne, denn das Männchen erinnerte mit seiner Ausdauer und seiner ausgefeilten Technik an einen knuffigen Hasen. Danach ließ die Fee einen Truck voller Geld vor dem Haus parken, und sie tat es gerne, denn das Männchen erinnerte mit seinem Liebreiz und seinem zu kleinen Bankkonto an einen knuffigen Hasen. Und als es an den dritten Wunsch ging, erfand die Fee die gegenseitige Rücksichtnahme.

So ungefähr stelle ich mir den Beginn der sogenannten zivilisierten Gesellschaft vor. Anscheinend dachte sich die Fee aber: Damit die Leute auch merken, wie wichtig der gegenseitige Respekt ist, wird es immer ein paar Arschlöcher geben, die auf Umgangsformen scheißen. Außerdem könnte sie dann immer zum Nachbessern zu dem kleinen potenten Männchen kommen, der sie so an einen knuffigen Hasen erinnerte, und nebenbei noch ein bis zwei Stunden mit ihm knattern. Der glückliche Bastard.

Und nun kommen wir zu meiner Rolle in diesem Stück: Ich bin offenbar dazu auserkoren, jedem einzelnen dieser Arschgeigen in irgendeiner Form zu begegnen.
Schon wenn ich aus dem Haus gehe, habe ich meine erste Erfahrung mit einer Arschgeige. Jene Arschgeige Nummer 1 hat nämlich gerade eine halbe Stunde vorher ihre Promenadenmischung aus der Wohnung getragen, damit diese vor meiner Haustür etwa das zweieinhalbfache ihres Körpergewichts in einen dampfenden Haufen Kot verwandelt.
Während ich also mit der Eleganz eines russischen Balletttänzers dieser Gefahrenzone ausweiche, latsche ich unversehends in die Hinterlassenschaften von Arschgeige Nummer 2: ein Kaugummi. Verstehen wir uns nicht falsch: Ich kau auch öfters Kaugummi. Ich schmeiß ihn auch weg, wenn er keinen Geschmack mehr hat. Allerdings werf ich ihn nicht direkt auf den Bürgersteig, sondern befördere die Kaumasse mit gezieltem Schwung entweder in einen Gulli oder in einen Papierkorb. Weil Arschgeige Nummer 2 das offenbar nicht kann, habe ich also an meinem wohlgepflegten Turnschuh einen ehemals minzfrischen Klumpen, welcher sich aufgrund von Wärmeeinwirkung unlöslich mit der Sohle verbindet und beim Laufen hässliche Fäden zieht. Außerdem fühlt es sich an, als wenn man durch eine zentimeterdicke Kuhfladenschicht latscht. Ich spreche mich hiermit für eine Gesetzesinitiative ein, welche die spontane Exekution jedes Kauproleten erlaubt, der beim Legen von Kaugummi-Minen erwischt wird.
Nehmen wir einfach mal an, dass ich durch irgendein Wunder dem Kaugummikadaver entwichen bin. Nur ein Waldorfschüler wäre so naiv zu glauben, dass dies mein letzter Kontakt mit der rücksichtslosen Bevölkerung dieser Welt gewesen sei. Nein, das Grauen fängt erst an.
Mein normaler Weg führt mich erst mal zum Bahnhof. Dieser steht praktischerweise nicht nur zwischen meiner Behausung und dem Stadtzentrum, er wurde auch extra nahe an den Schienen gebaut, mittels derer sich Züge dem Einflussbereich der Stadt entziehen können. (Nebenbei ein Hoch auf diese bemerkenswerte Leistung unserer Gleisanlagen. Viel Lob kriegen sie ja nie, aber dieses hier sei ihnen gegönnt.)
Wie jeder weiß, hat jeder halbwegs große Bahnhof auch Rolltreppen, die man zwecks Pflege persönlicher Trägheit auch gerne benutzt (egal ob sie funktionieren oder nicht). Auf dieser Rolltreppe kommt es unweigerlich zur Begegnung mit Arschgeige Nummer 3. Diese zeichnet sich grundsätzlich durch mangelnde Hygiene aus. Wohl unfähig, sich mehr als eine Dusche pro Jahrzehnt leisten zu können (es könnten dabei ja ein paar liebgewonnene Parasiten absterben), und unwillig, die inzwischen zur Panzerung mutierte Kleidung bis zum nächsten Weltkrieg zu wechseln, verpesten sie ihre unmittelbare Umgebung im Umkreis von etwa 70 Metern mit Giftgas aus körpereigener Produktion. Wahrscheinlich kann man die Ausflüge diverser Flöhe auch noch als Biowaffenangriff gelten lassen. Die Erfindung des Deodorants ist ebenfalls komplett an dieser Spezies vorbeigegangen. In Japan würde der Arschgeige Nummer 3 die Todesstrafe drohen, nur die Gutmütigkeit mitteleuropäischer Zivilisation (und wahrscheinlich auch der Ekel, diesem Subjekt näher als unbedingt nötig zu kommen) haben bisher ihr Überleben gesichert.

Habe ich dann (einen neuen persönlichen Rekord im Luftanhalten aufstellend) diesen Schicksalsschlag überwunden, gönne ich mir regelmäßig einen Ausflug in die Bahnhofsbuchhandlung. Dort erwarten mich schon die Arschgeigen 4 und 5.
Arschgeige 4 ist relativ leicht zu erkennen. Arschgeige 4 kommt grundsätzlich mit lautem Räuspern oder Röcheln in den Laden, um ein Viertelpfund Schleim aus den Nebenhöhlen abzusondern, das er dann ebenso geräuschvoll runterschluckt und seine Befreiung von der wabbligen Masse dann zufrieden mit einem lauten "Aaah!" dokumentiert. Danach stellt sich Arschgeige 4 ein Meter vor ein Regal und beugt sich vor, so dass er eine Zeitschrift fast mit der Nasenspitze berührt. Dann tut er so, als könnte er lesen. Versucht man nun arglos hinter der Person vorbeizuschlüpfen, richtet sich Arschgeige 4 todsicher ruckartig auf und tritt einen großen Schritt zurück, um einem Grenzpolizisten gleich den Durchgang zu versperren. Ist man reaktionsschnell genug, um den Rüffel "Pass doch auf, du Rüpel" zu vermeiden, hat man dennoch verloren. Denn nun führt der einzige Weg zwischen Regal und der Arschgeige entlang, welche nun wieder so tut, als würde sie die ausliegenden Zeitschriften studieren, diesmal mit Fernsicht. Wagt man es, mit kühnem Schwung vorbeizutreten, wird man sofort von einem herrischen Räuspern und einem "Aus dem Weg, du Rüpel" zur Räson gerufen. Ich habe mir sagen lassen, dass der Buchrücken eines handelsüblichen Hardcover-Einbandes stabil genug ist, um einen ausgewachsenen Schädelbruch zu verursachen. Irgendwann werde ich es ausprobieren. Und kein Gericht der Welt wird mich schuldig sprechen.
Als wäre Arschgeige 4 nicht schon genug, wartet in Buchhandlungen immer noch Arschgeige 5 auf seine Beachtung. Wir alle kennen es: Seit wir die Ankündigung gelesen haben, erwarten wir voller Spannung ein bestimmtes Buch. Steht es endlich im Laden, können wir es kaum erwarten und sprinten zum nächsten Händler, um es käuflich zu erwerben. Wie erwartet ist nur noch ein einziges Exemplar übrig, die restliche Auflage ist ausverkauft, und der Verlag wird erst zum 30. Todestag des Autors eine zweite Auflage herausbringen. Doch das ist uns egal, wir brauchen ja nur dieses eine Exemplar. Wir pirschen uns vorsichtig heran, wollen nur keine unnötige Aufmerksamkeit auf das Objekt unserer Begierde lenken und somit eventuell unsere Beute im letzten Augenblick verlieren. Wir sind noch 5 Meter entfernt. 4 Meter. 3 Meter, von links kommt ein Schatten. 2 Meter, und wir haben verloren. Denn gerade ist Arschgeige Nummer 5 gekommen. Zu erkennen ist er an seiner Frisur Marke "Halb-und-Halb" (eine halbe Tube Haargel in den Haaren, die andere Hälfte klebt an den Händen). Er nimmt rücksichtslos das wertvolle Druckwerk, knickt beim Aufschlagen mal locker ein paar Seiten, blättert desinteressiert durch und wischt sich nebenbei seine Hände am Papier ab, findet dann zwei Stellen, die er interessant findet, steckt an die eine Stelle seinen Zeigefinger, an die andere ein fettiges Schnitzel vom Fleischer nebenan als Lesezeichen, und fängt an, den Text zu überfliegen. Dabei bohrt er versonnen in der Nase, rollt seine dabei erbeuteten Mömmes, und sobald er feststellt, dass die entsprechende Stelle doch nichts mit Sex zu tun hat, setzt er als Zeichen seiner Missgunst einen grünen Punkt auf die Seite. Das fettige Schnitzel wird dann mit einem schnellen Griff wieder entfernt, und das vergewaltigte Buch landet wieder auf dem Verkaufstisch. Und man selbst steht fassungslos davor, kämpft mit den Tränen und rechnet verzweifelt, nach wie vielen Jahren man bei guter Führung wieder draußen wäre, wenn man angemessen auf diese Literaturschändung reagieren würde.

Wenn man seinem Tagwerk nachgeht, trifft man natürlich noch auf viele weitere Arschlöcher. Angefangen von dem langfingrigen Penner auf dem Bahnsteig und den besoffenen (und zu Recht unentdeckten) Sängerknaben in der S-Bahn bis zu den lautstark diskutierenden Türken (anscheinend gelten Dialoge zwischen Männern aus dem Osmanenreich nur dann als aufrichtig, wenn man sie noch in Ankara versteht) und den unerträglichen Schulklassen, welche 90% aller zeitlebens absorbierten Nahrungsmittel auf Klassenfahrten direkt in Dezibel umsetzen, wird wohl kaum jemand in der beneidenswerten Lage sein, einen dieser Typen nicht zu kennen, deswegen erspare ich mir weitergehende Beschreibungen.

Erwähnenswert ist noch mein Heimkommen. Dass irgendein Blinder mit seinen Quadratlatschen den Scheißhaufen des Köters von Arschgeige 1 fein säuberlich auf dem Bürgersteig verteilt und dabei mit bemerkenswerter Präzision wirklich jeden Quadratzentimeter bedeckt hat, kann meine Laune nicht mehr wesentlich verschlechtern. Wie denn auch, nach diesem Tag? Mit einigermaßen sportlichem Ehrgeiz schaff ich es dennoch, unbefleckten Fußes durch die Haustür zu treten. Aufatmend öffne ich den Briefkasten, wo mir ein orangefarbener Zettel eines gelben Logistikunternehmens entgegenfällt, um mir mitzuteilen, dass eine Paketsendung nicht zugestellt werden konnte und nun der Abholung auf dem Postamt harrt.
Nun weiß ich zwei Dinge genau. Zum ersten: Ich war noch zu Hause, als der Paketbote (mit sehr leichtem Gepäck übrigens) vor der Tür stand. Zum zweiten: Er hat nicht geklingelt. Weder bei mir, noch bei den Nachbarn, von denen immer jemand zu Hause ist (der einzige Zweck, wozu Rentner volkswirtschaftlich zu gebrauchen sind). Zu dem faulen Paketboten fällt mir nur eins ein: Arschgeige!

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