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Das Ende der Welt

Gelegentlich habe ich das Gefühl, für viele Menschen ist das Leben ein Geschenk, was sie nie haben wollten. Sonst würden sie sich nämlich nicht so nach dem Weltuntergang sehnen oder auf entsprechende Prophezeiungen so wohlmeinend reagieren wie ein Hund auf eine Wurst. Das ist kein neues Phänomen: Auch Jesus sagte voraus, dass noch zu den Lebzeiten seiner Jünger die Apokalypse hereinbrechen würde. Allerdings war er Jude, und den Juden wird dank ihrer Geschichte ja der Pessimismus quasi in die Wiege gelegt, daher kann man ihm das verzeihen.

Im Laufe der Menschheitsgeschichte wurde das Ende der Welt so oft verkündet, dass man sich einfach nur wundern muss, wieso überhaupt noch jemand diesen Endzeitpropheten einen Funken Aufmerksamkeit schenkt. Noch rätselhafter ist es, wenn gewisse Leute mehrmals den Weltuntergang vorhersagen, immer wieder dabei auf die Schnauze fallen und trotzdem noch Unmengen von Anhängern mobilisieren können, die beim nächsten Termin erneut ihr Hab und Gut opfern, weil schließlich sowieso bald alles vorbei ist.

Ich denke dabei insbesondere an Harold Camping, einen christlichen Radiomoderator aus den USA, der für den 21. Mai 1988 den Judgment Day prophezeite. Und für den 21. September 1994. Und dann wiederum für den 21. Mai 2011. Es gab Menschen, die kündigten ihre Jobs und rationierten ihre Habseligkeiten so, dass sie an besagtem Tag ihre letzten Cents ausgaben. Andere spendeten Millionenbeträge, um Werbekampagnen zu finanzieren, die auf die bevorstehende Apokalypse aufmerksam machen sollten. Eltern bereiteten ihre Kinder auf die baldige Entrückung in Gottes Reich vor. Als dieser Tag hereinbrach, hängten sich manche Leute auf oder sprangen in Flüsse und gingen so quasi schon mal voran in den Himmel. Eine Mutter schlitzte ihren beiden Töchtern und sich den Hals auf, weil sie Angst vor dem Weltuntergang hatte.

Und was passierte? Nichts. Harold Camping behauptete nachher, an diesem Tag hätte Gott zwar schon über die Menschen gerichtet, aber die Vollstreckung würde erst am 21. Oktober 2011 stattfinden. Im Juni erlitt Camping dann einen Schlaganfall. Vermutlich wollte ihm der liebe Gott damit sagen, dass er aufhören solle, dauernd die göttliche Schöpfung totzureden. Dass wir den 21. Oktober auch überlebt haben, muss ich wohl nicht extra betonen. Falls doch: Besorg dir einen aktuellen Kalender und trinke nie wieder das, was dich dazu gebracht hat, knapp vier Monate zu verpennen.

Wo ich gerade vom Kalender rede, ist es natürlich unabdingbar, die Maya und ihren Kalender zu erwähnen. Der aktuelle 13-Baktun-Zyklus des Maya-Kalenders endet voraussichtlich am 21. oder 23. Dezember 2012, und Millionen Menschen auf der Erde sind davon überzeugt, dass somit auch unser aller Ableben bevorstehen würde. Liebe Leute: Die Maya waren nicht mal imstande, ihr eigenes Ende als Hochkultur vorherzusagen, und dann glaubt man tatsächlich, dass die irgendwelche relevanten Aussagen über das finale Schicksal der Menschheit getroffen hätten? Dazu kommt noch, dass die unschuldigen Maya nirgendwo behauptet haben, dass an diesem Tag etwas Besonderes passieren würde. Da sie in ihren Inschriften auch weit in der Zukunft liegende Ereignisse beschrieben haben, kann man ihnen vermutlich kaum mit Fug und Recht irgendeinen Hang zur Apokalypse im Zusammenhang mit ihrem Kalendersprung unterstellen. Und warum sollte man? Mein letzter Kalender endete am 31. Dezember und weder die Welt noch ich sind dabei abgestürzt.

Aber klar, wer ein bisschen esoterisch angehaucht ist, lässt sich nur zu gerne den Weltuntergang vorhersagen von irgendwelchen Hochstaplern, die damit panische Bücher verkaufen wollen und dafür das Andenken an Völker schänden, die sich nicht mehr wehren können. Und dann können sich diese Leute noch nicht einmal einigen, was uns denn da nun alle den Arsch zukneifen lassen soll.

Viele schieben es auf einen mysteriösen Planeten namens Nibiru, der wahlweise direkt in die Erde donnern soll oder aber mit seiner Schwerkraft dafür sorgt, dass sich unsere Umlaufbahn um die Sonne ändert und wir somit alle erfrieren oder verdampfen werden. Das Problem dabei: Würde er existieren, hätten wir das schon gemerkt. Die Umlaufbahnen der äußeren Planeten wären durch seine Anziehungskraft bereits gestört, außerdem könnten wir ihn bereits mit bloßen Augen sehen, wenn er nahe genug sein soll, um uns im Dezember etwas anzutun. Aber die NASA würde ja alle Hinweise auf Nibiru unterdrücken, um Panik in der Bevölkerung zu vermeiden, so jedenfalls die Behauptung von Verschwörungstheoretikern. Nun, ein geradezu aufdringliches Merkmal des Himmels ist es, dass man nur nach oben gucken muss, um ihn zu sehen. Man braucht nicht einmal die Erlaubnis der NASA, was es extrem schwierig machen würde, sämtlichen Hobbyastronomen zu verbieten, die Auswirkungen von Nibiru zu beobachten. Und wer tatsächlich das Märchen glaubt, es könnte sich ein Himmelskörper so verstecken, dass man ihn nur vom Südpol aus beobachten könnte, soll bitte freiwillig sämtliche Bildungsabschlüsse zurückgeben und demütig in der Gosse leben. Des Weiteren könnte man ja auch mal fragen, woher die Maya etwas von einem herumstreunenden Planeten gewusst haben wollen. Wenn er vorher schon einmal vorbeigekommen wäre, hätte er sie ja schließlich auch umgebracht. Wenn ein dicker Himmelskörper mit seiner Schwerkraft die Umlaufbahnen der Planeten ändert, wandern die schließlich nicht wieder in ihre alten Bahnen zurück, wenn der Dicke wieder in den Weiten des Alls verschwindet. Und selbst wenn man ein paar Nummern kleiner rechnet: Dicke Asteroiden sind im Moment auch eher weniger daran interessiert, innigeren Kontakt mit unserer Mutter Erde zu bekommen. Sind halt schüchtern.

Welche anderen kosmischen Phänomene werden noch herangezogen, um unseren gewaltsamen Abschied zu erklären? Die Erde und die Sonne bilden eine Linie mit dem galaktischen Zentrum? Passiert jedes Jahr. Das Sonnensystem würde die Ebene unserer Milchstraße kreuzen? Erstens geschieht das alle 30 bis 45 Millionen Jahre, ohne dass es der Erde bisher geschadet hätte, zweitens ist der letzte Durchgang erst ein paar Millionen Jahre her, im Moment entfernen wir uns sogar von der Scheibe. Gammablitze sind in der Umgebung, in der sie uns schaden könnten, auch eher unwahrscheinlich und könnten sowieso nicht vorhergesagt werden.

Bleiben noch irdische Ursachen. Die Umkehr der magnetischen Polung der Erde? Gut, es gibt Anzeichen, dass das bald wieder bevorsteht. Passiert aber auch häufiger, hat bisher noch nie irgendwelche Auswirkungen auf das irdische Leben gehabt und dauert eh noch ein paar tausend Jahre. Die Drehrichtung der Erde wird dadurch auch nicht beeinflusst. Langsam kann man echt den Eindruck bekommen, dass nichts in diesem Universum plant oder dazu in der Lage ist, uns in allernächster Zukunft umzubringen. Bisher deutet alles darauf hin, dass die Welt sich am 22. Dezember nicht groß von der am 20. Dezember unterscheiden wird, so wie in jedem Jahr. Kein Weltuntergang, keine Zeitenwende, kein Bewusstseinssprung – nur jede Menge bedrucktes Totholz von esoterischen Spinnern, welches sich binnen weniger Stunden in wertloses Altpapier verwandeln wird. Aber das Geld, was sie bis dahin mit ihrem wirren Geschreibsel verdient haben, das wird ihnen sicherlich ein bequemes Überleben sichern – bis zur nächsten Weltuntergangshysterie, die sie ausschlachten können, um die Ungebildeten, Naiven und Bescheuerten auszunehmen.

Übrigens sind laut Umfragen Frauen etwa doppelt so oft wie Männer davon überzeugt, dass im Dezember 2012 der Weltuntergang oder zumindest eine Zeitenwende stattfinden würde. Gewalt gegen Frauen ist ja verpönt, aber könnte man nicht wenigstens in diesem Fall ein paar gezielte Schläge auf den Hinterkopf zwecks Nachjustierung der Hirnleistung verzeihen?

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