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Der Frust eines Einzelkämpfers

Der Erfolg von Farmville und Co. brachte dann einige Spielehersteller darauf, dass es wohl der dringlichste Wunsch aller Spieler wäre, ihre Online-Bekanntschaften unmittelbar über jeden Furz zu unterrichten, der in der virtuellen Welt des Spiels in die Atmosphäre geblasen wurde. Electronic Arts (wer sonst) nagelte beispielsweise eine Facebook-Anbindung in „Die Sims 3“ rein. Ich hoffe, all meinen Freunden wäre es zu peinlich, online mit einer Familie zu prahlen, die nur in Form von elektrischen Impulsen im Computer existiert und es alleine gelegentlich nicht einmal schafft, aufs Klo zu gehen, ohne das Bad zu überschwemmen. Wenigstens gibt es keine Pflicht, sich im Spiel mit Facebook zu verbinden.

Nach all diesen Jahren hat es dann aber Sim City geschafft, dem Onlinespiel eine neue Facette der Grässlichkeit zu verleihen. Wer nämlich einmal angefangen hat, gewisse Geschäftsbeziehungen mit den Städten fremder Spieler aufzubauen, ist ihnen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Die fremde Stadt kümmert sich um den Müll? Hoffentlich sorgt der andere Mitspieler dafür, dass seine Stadt ähnlich wächst wie die eigene, ansonsten war es das mit der Müllabfuhr. Man kriegt den Strom von der Nachbarstadt? Wehe, der andere Spieler hat genug von seiner Kreation und reißt die ganze Siedlung nieder, denn dann ist die eigene Metropole gründlich am Arsch. Größere Infrastrukturprojekte wie internationale Flughäfen sind im Alleingang gar nicht möglich – Pech, wenn der andere Spieler sich eine Freundin zugelegt hat und er die Dame lieber die Wände rauf und runter bumst, als sich bei Sim City einzuloggen.

Der Krampf mit dem „Social Gaming“ greift jetzt auch immer mehr auf die Hardware über. Sony war so freundlich, die Playstation 4 zu präsentieren, aber ohne die Konsole selbst zu zeigen. Stattdessen präsentierte man stolz den Controller für die neue Spielkonsole. Statt eines Start- und eines Select-Buttons, die immerhin Standard seit gut 30 Jahren sind, gibt es einen Options-Button. Und was ist an der nun freien Stelle? Ein Share-Button. Ein eigener, mechanischer Knopf auf dem Controller, der keine andere Aufgabe hat, als online zu petzen, was man daheim spielt. Wenn Technik Krebs kriegen könnte, würde der erste Tumor aussehen wie ein eigener Share-Button, davon bin ich überzeugt. Kein Wunder, dass viele Spieler anlässlich dieser Enthüllung selbstironisch meinten: „Wenn ich Freunde hätte, würde ich nicht daheim an der Konsole sitzen.“

Dabei wissen die Spielehersteller ganz genau, dass sie auf die Solospieler angewiesen sind. Wie gesagt: Die Hälfte aller Starcraft-II-Spieler kaufte das Spiel wegen der Einzelspieler-Kampagne. Selbst die Zombieshooterreihe Left 4 Dead, die im Prinzip darauf ausgelegt ist, dass vier Leute sich kooperativ übers Internet quer durch die Zombiehorden ballern, kam nicht ohne Einzelspielermodus aus. Und Activision scheint zwar bei den Call-of-Duty-Spielen den Fokus auf die Multiplayerfunktionen zu setzen, aber selbst hier traut man sich nicht, den Storymodus wegzulassen. Aber weil sie im Prinzip die Einzelspieler verachten, wird der doch oft etwas lieblos reingehämmert.

Möchte die Spieleindustrie eigentlich nur die Menschen einander näherbringen? Möchte man für Verständigung und Kooperation werben? Ha, eher knallt der Papst direkt auf dem Petersplatz ne knackige Siebzehnjährige. Vielmehr ist der Multiplayermodus eine ideale Begründung für ständige Onlineverbindung, mit der man schön überprüfen kann, ob jemand das Spiel wirklich gekauft hat. Und wenn man mit seinen Freunden spielt, muss jeder ein Exemplar kaufen. Bei diesem Gedanken kriegen die Buchhalter bei EA und Activision-Blizzard einen Steifen, der eigentlich bei der Flugsicherung angemeldet werden müsste. Dazu kommt, dass man online natürlich leichter Patches verteilen kann und es daher immer weniger darauf ankommt, zum Erscheinungstag tatsächlich allgemein problemlos spielbare Versionen zu verkaufen.

Eine Wahl zugunsten von reinen Solospielen erspart einem heutzutage sowieso nicht den Internetanschluss: Viele Spiele müssen schon jetzt zwingend online über Steam und/oder die entsprechenden Angebote der Spielekonzerne selbst registriert und aktiviert werden, bevor sie so gnädig sind, ihre Arbeit aufzunehmen. Wer Assassin’s Creed III über Steam kauft, muss sich auch noch bei Ubisoft registrieren. Das heißt, im Endeffekt braucht man zum Spielen eines normalen Action-Adventures zwei Passwörter; mein Onlinebanking ist weniger penibel abgesichert. Die bereits oben erwähnte Xbox One selbst braucht laut Aussage eines Microsoft-Managers alle 24 Stunden eine Internetverbindung, ansonsten hat man nur eine große, teure Wohnzimmerdekoration. Und das Teil kann man nicht mal so einfach kopieren. (Wenige Stunden später ruderte Microsoft zurück und versuchte zu beschwichtigen, aber wirklich verneint hat man es auch nicht.)

Nun sind die Spielefirmen ja nicht die Einzigen, die auf die Idee mit der Online-Anbindung zur Verhinderung unerlaubter Kopien gekommen sind. Die gute, alte Videothek mit den DVDs und Blu-Rays soll sterben, Video-on-Demand-Anbieter sind die Zukunft. Man schmeißt keinen Silberling mehr in den Player, der Film wird in High Definition direkt aus dem Internet genuckelt. Adobe will seine Grafik- und Videoprogramme nur noch gegen eine Monatsmiete abgeben, natürlich direkt per Download aus der Cloud. Microsoft fände es richtig dufte, wenn man monatlich dafür zahlen würde, Office 365 online als Browserapplikation zu nutzen, anstatt sich die Office-Software auf dem PC zu installieren und auch damit arbeiten zu können, wenn der Internetzugang streikt. Google macht es mit seinen Büro-Anwendungen ähnlich, nur ohne Geld.

Alles soll also in Zukunft übers Internet laufen. Die Telekom will bis 2018 alle analogen Telefonanschlüsse abschalten, stattdessen gibt es dann Voice-over-IP, also Internettelefonie. Und während sich abzeichnet, dass sich in nicht allzu ferner Zukunft – abgesehen vom normalen Fernsehsignal – so ziemlich alle Informationen von außen durchs Internet in die Wohnung quetschen sollen, möchte die Telekom ab 2016 eine Drosselung der Internetbandbreite einführen. Andere Internetprovider beobachten diese Entwicklung genau und liebäugeln selbst mit der Bremse ab einem gewissen Datenvolumen. Ein paar Folgen einer Serie über Amazon Prime gucken, ein neues Spiel per Steam laden, ein anderes Spiel patchen und jeden Tag zehn Katzenvideos in HD bei Youtube gucken? Ups, schon ist man über dem Limit, schon tröpfeln die Daten nur noch aus der Leitung und machen jedes Surfen zur Qual. Vielleicht wird dann ja der Anteil der Solospieler noch höher – wenn auch nur deswegen, weil Multiplayer mit dieser Beschränkung einfach nur Masochismus wäre.

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