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Onlineprofilneurose

"Wie, du bist nicht bei MySpace?" Diese ungläubige Frage traf mich unvorbereitet. Natürlich ist mir MySpace schon seit über vier Jahren ein Begriff, aber ich war bis vor kurzem der Meinung, dass der Wahn, sich bei MySpace ein Profil einrichten zu müssen, an Deutschland vorbeigegangen wäre. Seine Profilseite kann man bei MySpace offenbar ganz einfach dem eigenen Geschmack anpassen, und das ist der Grund, warum die meisten MySpace-Seiten kackhässlich sind. Und weil jeder Idiot auch noch ungefragt seine Lieblingsmusik losdudeln lässt, sobald die Seite geladen ist, bekommt man neben der Netzhautfolter auch noch eine gehörige Portion Ohrenkrebs. Ich hasse MySpace. Mich also zu fragen, warum ich mich noch nicht bei MySpace angemeldet habe, ist also, als würde man wissen wollen, warum ich mir noch keinen Tripper eingefangen hab.

Vollkommen unverständlich ist für mich, warum aber auch anerkannte Künstler (gerade in den USA), die ihre eigenen Webseiten betreiben, trotzdem parallel ständig ihre MySpace-Profile bewerben müssen. Nahezu alles, was bei MySpace möglich ist, könnten sie problemlos auf ihren normalen Internetseiten anbieten, die Freunde-Funktion mal ausgenommen. Jeder kann bei MySpace der Freund von jedem sein. Viele MySpace-Mitglieder scheinen das Ziel zu haben, möglichst viele Freunde zu sammeln, aber wie viel wert ist so eine Onlinefreundschaft, wenn sie nur dazu dient, einen Zähler nach oben zu treiben? Nennt mich ruhig altmodisch, aber ich glaube daran, dass eine Freundschaft eine stabilere Grundlage haben sollte als den Klick auf einen "Freundschaft annehmen"-Link. Sofort nach der Anmeldung hat man den Gründer von MySpace automatisch zum Freund. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er mir nie einen Kakao spendieren wird oder sich bereit erklärt, mir bei einem Problem zu helfen. Und so einer soll mein Freund sein? Und auch was die MySpace-Freundschaft mit den Prominenten angeht, steckt eine gehörige Portion Selbstbetrug dahinter. Auch wenn ein berühmter Musiker in der Freundesliste steht, wird er nicht auf der Geburtstagsfeier auftauchen. Die Chancen sind groß, dass er nicht einmal selbst das Freundschaftsangebot angenommen hat oder die Kommentare auf seiner MySpace-Seite liest, sondern dafür einen Praktikanten bei der Plattenfirma beschäftigt. Wie sozial ist ein soziales Netzwerk, wenn die Freundschaftsfunktionen nur zur Selbstbefriedigung des Egos dienen und nicht zur Pflege von real entstehenden Beziehungen?

Mein Widerwillen, mich bei MySpace anzumelden, hat noch einen weiteren Grund. Ich bin schon bei genug Seiten registriert. Ich bin Onlinemitglied von Animexx und wurde vor einiger Zeit von Freunden überredet, mich bei StudiVZ anzumelden. Und schon diese beiden Seiten besuche ich höchst selten. Bei Gaia Online bin ich nur alle paar Jubeljahre, wenn ich mal wieder Lust darauf habe, eine gehörige Portion amerikanischer Ignoranz in den Foren zu konsumieren. Dazu kommt die Mitgliedschaft in vielen Foren, obwohl ich mich da auch schon teilweise sehr rar gemacht habe. Ich habe nur eine reale Existenz, aber online bin ich mindestens 20 Mal vorhanden, obwohl mich ein Leben allein schon anstrengt. Wenn ich mich jetzt noch irgendwo anmelde, dann muss ich dafür auch tolle Möglichkeiten bekommen, die ich bei meinen vorhandenen Mitgliedschaften nicht habe.

Wenn sich dann Artikel unter der Überschrift "Mein digitaler Selbstmord" damit beschäftigen, dass man Online-Mitgliedschaften wie etwa bei StudiVZ oder Facebook beendet und danach panisch von realen Bekanntschaften gefragt wird, ob es einem gut geht, kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Autoren noch ärmere Würstchen als ich sind. Schließlich scheint ihr Onlineprofil selbst für die direkten Bekannten ein wichtigerer Existenznachweis zu sein als etwa die persönliche Anwesenheit in Armlänge. Dabei sind diese trendigen Leute, die den täglichen Blick in ihre Community zu den lebenserhaltenden Maßnahmen wie essen und schlafen zählen, das Gegenteil von technikaffinen Geeks, welchen man so eine Abhängigkeit vom Onlinegeschehen viel eher unterstellen würde.

Ob diese Fixierung auf MySpace, StudiVZ, Facebook oder andere Community-Seiten überhaupt von Dauer ist, wird man vermutlich erst in vielen Jahren sehen können. Eventuell werden all diese Seiten bald vom nächsten großen Trend überholt, vielleicht wiederholt sich aber auch die Geschichte, und es kommen neue Seiten, auf denen sich junge Menschen anmelden können, um für ihre Online-Freunde Fotos zu veröffentlichen, auf denen sie während einer Party sturzbesoffen mit dem Kopf im Lokus hängen und sich die Kotze aus dem Hals würgen. So war es bei Uboot.com, so ist es nun bei StudiVZ, und sicher wird auch in Zukunft irgendwer den Massen die Möglichkeit bieten, sich ohne großen Aufwand peinlich in Szene zu setzen. Aber dann bitte ohne mich.

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