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Der Staat hat immer recht

Dem Deutschen hängt weltweit das Vorurteil an, dass Kadavergehorsam gegenüber Obrigkeiten ihm im Blut liegen würde. Die 68er kämpften stark gegen diese Autoritätsgläubigkeit an, und für eine Weile sah es auch so aus, als würden erwachsene Deutsche ganz gerne hinterfragen und überprüfen, was ihnen Autoritätspersonen erzählen. Ich fürchte, der Kampf geht gerade verloren. Und die großen Helfer sind die Fernsehsender.
Jeden Tag sieht man inzwischen auf irgendeinem Sender irgendwelche Sozialfahnder, Mitarbeiter vom Ordnungsamt, Polizisten und Zollbeamte, die von einem Drehteam bei der Arbeit begleitet werden, während ein energischer Off-Kommentar jeden Zweifel daran ausräumt, dass hier nur Recht und Ordnung durchgesetzt werden.

Heute konnte ich beispielsweise auf Kabel1 ein Pärchen vom Ordnungsamt dabei beobachten, wie sie Personenkontrollen bei einem McDonald's vornahmen und von einem rauchenden Jugendlichen den Ausweis verlangten. Auf die Frage, warum er einen Personalausweis dabei haben müsste, kam ein patziges "Weil wir ein Personalausweisgesetz haben, darum!" ... Die Kuh hätte sich von mir einen kräftigen Anschiss eingefangen, denn im Personalausweisgesetz steht nur, dass man einen Ausweis besitzen muss, aber nicht, dass man ihn ständig bei sich zu tragen hat. Aber weil das nicht angesprochen wurde, haben jetzt Hunderttausende Fernsehzuschauer gelernt, dass sie angeblich dazu verpflichtet wären, ihren Ausweis immer und überall dabei zu haben. Brav. Mal sehen, wann man ihnen beibringen kann, ihre Nachbarn zu verpetzen, weil die eine Glühbirne in die Biotonne geschmissen haben. So mag man doch seine Bürger, schön folgsam und bereit, Anweisungen ohne jegliches Hinterfragen zu befolgen.

Eine Stufe weiter geht Sat.1 mit "Gnadenlos gerecht", einer Sendung, bei der man Hartz-IV-Kontrolleuren bei ihrer Arbeit über die Schulter gucken kann. Wer diese Sendung schaut, bekommt beigebracht: Es sind nicht alle Hartz-IV-Empfänger Schmarotzer, aber mindestens die Hälfte. Soll das Assipack doch verhungern, wie es sich gehört! Was man nicht mitbekommt: Die Fahnder überschreiten dauernd ihre Kompetenzen und gehören eigentlich achtkantig aus dem Dienst geschmissen, denn die angeblichen Verdachtsmomente würden keinen Richter davon überzeugen, die Stütze zu kürzen. Ein Mann arbeitet angeblich in der Wäscherei seines Sohnes, und das findet man heraus, indem ihn die Sozialfahnder in der Wäscherei stehen sehen? Schwach, ganz schwach. Aber wie gesagt: Der Fernsehzuschauer bekommt davon nichts mit, der merkt nur: Der Staat greift durch, jawoll!

Auch die fingierten Pseudo-Dokus mit Niedrig und Kuhnt usw. vermitteln eigentlich nur, dass Polizisten und sogar Privatermittler so ziemlich alles dürfen, um Übeltäter zu überführen. Wenn man nicht weiterkommt, wird mal eben so eine Wohnung verwanzt, ein Telefon abgehört und ein Verdächtiger bekommt vom properen Polizisten eine gehörige Tracht Prügel angedroht, wenn der nicht sofort auspackt, wo sein Komplize steckt. Amnesty International könnte mit dem Sat.1-Nachmittagsprogramm seinen Jahresbericht auf das Dreifache aufblähen. Aber der Fernsehzuschauer ist zufrieden: Es geht ja nur gegen Verbrecher.

Und so erzieht das Fernsehen seinen Zuschauer zu der Überzeugung, dass der Staat sich nie irrt, nur die Bösewichte sich vor der Obrigkeit fürchten müssen und dass jeder, der verdächtigt wird, schon irgendwas getan haben muss, um in dieser Situation zu landen. Eine schönere Ausgangslage gibt's selbst für Diktatoren nicht. Und es geht noch weiter: Im hessischen Altenstadt werden jetzt ehrenamtliche Hilfspolizisten eingesetzt, die nicht nur beobachten und verpetzen sollen, sondern auch Identitäten feststellen und Platzverweise erteilen. Ich gehe jede Wette ein, dass jede Menge Jugendliche jetzt Platzverweise für Banalitäten bekommen, die überhaupt nicht strafbar sind, nur weil Leute mit Blockwartmentalität ihre Macht ausnutzen wollen und ihre persönlichen Ansichten zum Maß aller Dinge machen. Die Pressemitteilung brüstet sich noch damit, dass diese Hilfspolizisten (ob die auch SA-Hemden kriegen, hab ich nicht rausbekommen) besonders das Sicherheitsgefühl älterer Mitbürger stärken würden. Seien wir ehrlich: Ältere Mitglieder sind so ziemlich die paranoideste Bevölkerungsgruppe, die es gibt. Die halten jeden unter dreißig für einen Unhold, selbst wenn der nur eine Eistüte und eine Postkarte in den Händen hält. Aber gut, der Staat irrt sich ja nie, Unbescholtene müssen sich keine Sorgen machen und zwei plus zwei ergibt fünf. Genau.

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