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Die alltägliche Gewalt gegen Frauen?

Psychische Gewalt

Kommen wir zum nächsten Knaller: psychische Gewalt in der Partnerschaft. Und da immerhin angeblich 50 Prozent der deutschen Frauen so etwas erlebt hätten, sollte man auch hier nicht davon ausgehen, dass die Kriterien für Gewalt besonders eng gesteckt wären.

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Wenn das so häufig ist, fehlt den Frauen am Ende noch was, wenn man damit aufhört.

Psychische Gewalt ist, wenn der Partner

  • versucht, den Kontakt zu Freunden zu unterbinden
  • versucht, den Kontakt zu Verwandten zu unterbinden
  • wissen möchte, wo man ist, in einem Maße, das über normale Sorge hinausgeht
  • sauer wird, wenn man mit einem anderen Mann redet (oder mit einer anderen Frau, wenn man in einer lesbischen Beziehung ist)
  • einen der Untreue verdächtigt
  • einen davon abhält, Entscheidungen bezüglich der Familienfinanzen zu treffen oder unabhängig einzukaufen
  • verbietet, außerhalb des eigenen Heims zu arbeiten
  • verbietet, das Haus zu verlassen, die Autoschlüssel wegnimmt oder einen einschließt
  • mit physischer Gewalt gedroht hat

Zudem wurde gefragt, wie oft der Partner

  • einen vor anderen gedemütigt oder herabgewürdigt hat
  • einen privat gedemütigt oder herabgewürdigt hat
  • absichtlich Dinge getan hat, um einen zu verängstigen oder einzuschüchtern, zum Beispiel schreien oder Gegenstände zerstören
  • einem gegen den eigenen Willen pornografisches Material gezeigt hat
  • gedroht hat, die Kinder wegzunehmen
  • gedroht hat, die Kinder zu verletzen
  • die Kinder verletzte
  • gedroht hat, eine andere Person, die einem wichtig ist, zu verletzen oder zu töten

Ich denke, bei den meisten Punkten kann durchaus gesagt werden, dass psychologischer Druck oder Zwang ausgeübt wird, man also von psychischer Gewalt sprechen kann. Bei einigen Punkten kommt es aber sehr auf die Umstände an.

Wenn ein Mann den Verdacht hat, dass seine Frau ihn betrügt, ist das an sich keine Form psychischer Gewalt. Wenn ein Mann wissen will, wo die Frau hingeht (insbesondere, wenn er den Verdacht hat, dass sie ein paar Runden auf dem Schwanzkarussell dreht), ist das an sich keine Form psychischer Gewalt. Auch wenn im gemeinsamen Kreis über gewisse Unzulänglichkeiten gefrotzelt wird oder peinliche Erlebnisse ausgewalzt werden, muss das nicht unbedingt psychische Gewalt sein, auch wenn einem selbst das unangenehm ist. Und ebenso muss es nicht unbedingt ein Ausdruck psychischer Gewalt sein, wenn der Mann einem verbietet, die letzten Ersparnisse für eine Gucci-Handtasche auszugeben. Gleichermaßen fällt es mir schwer, einen Mann dafür zu verurteilen, dass er darauf besteht, seiner Freundin seinen Lieblingsporno zu zeigen, wenn sie ihn dafür vorher gezwungen hat, sich Twilight anzugucken.

Drehen wir die Sache doch einfach mal um: Wenn eine Frau ihren Mann verdächtigt fremdzugehen, würden wir pauschal sagen, dass sie ihm Gewalt antut? Und wenn eine Frau dann wissen will, wo er war, wenn er abends um 23 Uhr nach Hause kommt und eigentlich schon um 18 Uhr Feierabend hatte? Ist das bereits psychische Gewalt? Generell kann man die Aussagekraft von einem großen Teil der Fragen relativieren, indem man sich fragt, wie man sie unter umgekehrten Vorzeichen bewerten würde. Wer wirklich für Gleichberechtigung ist, muss schließlich auch lernen, gleiche Maßstäbe anzusetzen. Aber in dieser Umfrage wird jede Frau als Opfer von Gewalt gezählt, die auch nur eine dieser Fragen positiv beantwortet hat. Dass hier wie bei allen anderen Fragen vollkommen unerheblich ist, ob sich die Frau selbst als Opfer sieht, ist für die Macher der Studie offenbar irrelevant.

Sexuelle Belästigung

Schauen wir uns zuletzt noch den Themenkomplex „Sexuelle Belästigung“ an. Angeblich sollen 60 Prozent der deutschen Frauen schon sexuell belästigt worden sein, wohingegen in Bulgarien nur 24 Prozent der Frauen eine der Fragen positiv beantwortet haben. Da wirkt sich bestimmt die Unterdrückung der Roma positiv aus. tozey.gif

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Schon wieder die üblichen Verdächtigen ganz oben. Die dänischen Männer müssen wilde Tiere sein. Und Frankreich! Das Land mit der Hauptstadt der Romantik! Wie kannst du mich nur so enttäuschen?! 33c4b951.gif

Welche Dinge zählen als sexuelle Belästigung?

  • Unwillkommenes Anfassen, Umarmen oder Küssen
  • Unangemessenes Anstarren oder anzügliches Grinsen, das eingeschüchtert hat
  • Zweideutige Kommentare oder Witze, die einen ärgern
  • Zeigen oder Verschicken sexuell expliziter Bilder/Fotos oder Geschenke, die einen ärgern
  • Unangemessene Einladungen zu Verabredungen
  • Aufdringliche Fragen nach dem Privatleben, die einen ärgern
  • Aufdringliche Bemerkungen zum Aussehen, die einen ärgern
  • Unerwünschte, sexuell explizite SMS oder E-Mails, die einen ärgern
  • Unangemessene Annäherungsversuche, die einen ärgern, in sozialen Netzwerken oder Internet-Chats
  • Unanständiges Entblößen
  • Gegen den eigenen Willen dazu gebracht werden, pornografisches Material anzugucken

Und wieder ist es hirnrissig, all diese Sachen tatsächlich als sexuelle Belästigung zu werten, wenn man die Umstände nicht kennt, zumal vieles wirklich extrem auf subjektivem Empfinden beruht. Ein Paradebeispiel sind unerwünschte Einladungen, bei denen es in vielen Fällen gar nicht die Einladung an sich ist, die objektiv irgendwelche Grenzen des Anstands verletzt, sondern eher die Tatsache, dass sich jemand erdreistet, sie auszusprechen, der nicht dem persönlichen Geschmack der Angesprochenen entspricht. Ein Fall von „Wenn du aussehen würdest wie Ryan Reynolds, würde ich dir sofort so heftig auf den Lümmel springen, dass in meiner Muschi die Kernfusion einsetzt, aber weil du aussiehst wie ein Lappen, find ich es total widerlich, dass du mich ansprichst“ ist sowohl im realen Leben als auch in sozialen Netzwerken kein fairer Anlass, jemandem sexuelle Belästigung vorzuwerfen.

Gleichermaßen finde ich es problematisch, dass beim Anfassen nicht unterschieden wird, ob eine Frau an der Schulter oder am Hintern angepackt wird. Und wenn ein Freund mit einer unbeholfenen Umarmung versucht, vergeblich aus der Friendzone auszubrechen, finde ich es – trotz der zweifellos unangenehmen Situation – nicht gerecht, ihm sexuelle Belästigung zu unterstellen, ebenso wie bei Teenagern, die aus einer Bravo-Fotolovestory gelernt haben, dass es sich lohnen kann, seinem Schwarm unerwartet einen Kuss aufzudrücken, und anschließend lernen, dass Bravo-Fotolovestorys nichts mit der Realität zu tun haben. (Es geht hier um Frauen ab 15 Jahren, daher ist das kein unwahrscheinliches Szenario.) Das sind Missverständnisse, aber keine bösartigen Missachtungen weiblicher Selbstbestimmung.

Auch Anstarren kann nervig sein, aber ist keine sexuelle Belästigung und kann in vielen Fällen auch einfach ein Missverständnis sein. Eine Frau hat mich mal wütend angefahren, warum ich sie anstarre, dabei schaute ich auf die LED-Anzeige hinter ihr, auf der die in Kürze abfahrenden Straßenbahnen angezeigt wurden. Zoten sind – so schlecht sie auch sein mögen – ebenfalls nicht automatisch sexuelle Belästigung, und wenn man hässlich oder fett genannt wird, ist das eine Beleidigung. Aber ob es tatsächlich eine sexuelle Belästigung ist, möchte ich mal bezweifeln.

Fazit

Im Endeffekt haben wir also eine Umfrage, bei der vermutlich hauptsächlich Frauen mitgemacht haben, die auch was dazu sagen können, mit Fragen, die vollkommen verschiedene Ausprägungen zwischenmenschlicher Interaktion ohne Berücksichtigung der Umstände in einen Topf werfen, um möglichst große Zahlen zu kriegen, und dabei vollkommen außer Acht lässt, ob die Frauen sich tatsächlich als Opfer fühlen oder nicht. Außerdem werden groß die Zahlen hervorgehoben, bei denen es egal ist, ob die entsprechenden Vorfälle vor 40 Jahren passiert sind oder vor 2 Jahren, die aktuelle Situation ist nahezu unerheblich. Es überrascht mich nicht, es passt zu dem Trend, der seit Jahrzehnten zu beobachten ist.

Von Seiten der Macher ist die Machart der Studie auch verständlich. Die Agentur muss Gewalt gegen Frauen möglichst groß darstellen, um sich zu legitimieren, schließlich will man damit ausdrücklich Einfluss auf die Politik nehmen. Es wäre für sie kontraproduktiv, die Zahlen nicht aufzubauschen. Aber da die Ausgangsdaten schon keine realistische Einschätzung des Ist-Zustands hergeben, lässt sich auch der Erfolg politischer/gesetzlicher Initiativen nicht messen. Eine Frau, die vor 30 Jahren Opfer wurde, wird auch in 10 Jahren noch als Opfer gezählt, egal was inzwischen für Gesetze erlassen und durchgesetzt wurden. Der Bevölkerung wird so aber vorgesagt, wie bedroht sie sich fühlen müsste.

Wir müssen aufhören, das Wort „Gewalt“ als Synonym für „Unangenehmes“ zu verwenden, um alles zu skandalisieren, weil wir fürchten, dass es sonst nicht genug Aufmerksamkeit kriegt. Wir tun den Opfern tatsächlicher Gewalt keinen Gefallen, wenn wir sie auf eine Stufe mit Frauen stellen, die sauer sind, weil auf der Arbeit ein Aktkalender hängt oder ihre Männer gemerkt haben, dass ihre Holde immer ganz schön lange „nur kurz beim Nachbarn um Eier bitten“ ist. Und männlichen Opfern von Gewalt erweisen wir einen Bärendienst, wenn wir so tun, als wenn die Formen der Gewalt, die sie erleiden, ausschließlich von Männern an Frauen verübt werden.

Gleichzeitig wird die Prävention von solchen Taten behindert, wenn wir uns aus falsch verstandenem Respekt weigern, alle möglichen Einflüsse anzuschauen, die zu Gewalttaten führen können. Alkohol in der Partnerschaft spielt eine große Rolle, mangelnde Bildung spielt ebenfalls eine große Rolle, ebenso wie ein unsicherer Arbeitsplatz. Aber wir müssen uns auch an den Gedanken gewöhnen, dass die Prägung in anderen Kulturkreisen eine Rolle dabei spielen kann.

Wirklich sauer macht mich aber, dass ich mir diese Arbeit gemacht habe, diese Studie zu hinterfragen, nicht die bezahlten Journalisten der bundesweiten Presse, die einfach stumpf die Zahlen verbreiten, die in der Zusammenfassung genannt werden. Es ist kein Wunder, wenn die Bürger immer weniger Vertrauen in die Presse haben, wenn die Schreiber ihre Leser nur noch von ihrer eigenen Agenda überzeugen wollen, anstatt die von den Institutionen veröffentlichten Informationen kritisch zu hinterfragen und aufzubereiten.

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